Gisella

[135] Du bist nicht schön noch rein von Fehle;

Doch ob die Welt auch hart gesinnt

Dich unter die Verlornen zähle:

Du rührst das Herz mir, armes Kind.


Denn mitten unter Schein und Lüge,

Verdeckt von leichter Schlacke nur,

Erkenn' ich noch an dir die Züge

Der gottbegnadeten Natur.


Schien je ein hold Gefäß erkoren

Zum Dienst der Kunst, die du erwählt,

So warest du's, der angeboren,

Was hundert Vielbekränzten fehlt:[135]


Der stumme Zauber der Gebärde,

Die Stimme, welche Tränen spricht,

Für alles Glück und Weh der Erde

Der Schrei, der aus dem Herzen bricht.


Doch weit ist's von der Kraft zum Siege,

Wenn ihr das Glück die Hand nicht bot;

Wohl stand die Mus' an deiner Wiege,

Doch bei der Muse stand die Not.


Und was als lichtes Angebinde

Die eine dir beschert der Fei'n,

Die andre hüllt' es, ach, dem Kinde

In Dust und Spinnweb trostlos ein.


Kein Sternbild sahst du leitend funkeln,

Kein Führer ging dir treu voran;

Du tastetest allein im Dunkeln

Dich fort auf ungewisser Bahn.


Jung, ratlos, ohne Schutz und Pflege,

Vom eignen heißen Blut verwirrt –

Wer hebt den Stein auf, wenn vom Wege

Sich ahnungslos dein Fuß verirrt!


Emporgeblüht auf sonn'gen Matten,

Wärst du vielleicht der Stolz der Flur,

Nun brachtest du's, verblaßt im Schatten,

Zu einer kargen Blüte nur.


Die Perle, die, vom Staub gereinigt,

Für keine Krone zu gering,

Verloren unter Sand und Steinicht

Zertrat sie, wer vorüberging.


Und doch, um die zersprungnen Stücke

Spielt noch ein Glanz so echter Art,

Daß ich die Träne nicht zerdrücke

Um das, was hier verloren ward.


Ach, fast bedünkt's mich jetzt ein Segen,

Daß du dahingehst leichtgeherzt,

Kaum ahnend, was in dir gelegen,

Und welche Zukunft du verscherzt.

Quelle:
Emanuel Geibel: Werke, Band 2, Leipzig und Wien 1918, S. 135-136.
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