BURG FALKENSTEIN


[53] An Ernst


Zur bewaldeten kuppe

stieg ich an neben dir

Wo auf rauh-gradem eckturm

sich der rundturm erhebt

Und aus verwitterter fuge

ein lebendiger baum.

Hier liegt der heiden-wall

dort das trümmerkastell ·

Unten stufig sich senkend

ringsum hügel und ort

Bis zum fernen geleucht

unseres ewigen Stromes.[54]


Ich deutete abwärts:

sieh das rätselgesicht

Dieser massigen veste

gegenüber im blau

Und das liebliche bachtal ..

da fühl ich wie einst

In der friedvollen vorzeit

gemächlichem graun

In dem murmeln der haine

und abends im hüttenrauch

Eine ganze verträumte

kindheit erzittern.


Nachdenklich sprachst du:

›solch ein mächtigstes ding ·

Zauber – ist anderer art

geht nicht gang der natur ·

Kommt nicht aus geisterhusch

über gemäuer-verfall

Noch aus hangender zweige

nachtgespenstischem wehn.

Uns ist immer dahin

frist behaglichen glücks

Und der altväter gefühl

mit den schalmeien der schäfer[55]


Denk dies volk und sein loos:

streng bemüht bis zur fron

Selten heimisch bei sich

ohne freude sein tun

Das – wie lang nicht – verspürt

den befreiteren drang ·

Voll gedanken entbehrt

leichteren göttersinn.

Wo sie häuser gebaut

engt ein klemmender druck

Wo ein lied ihnen quoll

meist war es klage.‹


Aber schon deutlichen klang

wittr' ich durch schläfrige luft ·

Eh eine saite zerriss

war schon die neue gespannt.

Ungewohnt noch dem ohr

schwingt sich der goldene ton:

Frühester ahnen geheiss

unseres gottes verspruch ...

Ab von dem schillernden sund

über der täler gewell

Dunstiger städte betrieb

zuckt er durchs alternde herz.[56]


Über das felsengebirg

bis zu der zedern gewölb

Bis an den strahlenden golf

ohne vielstimmig gewirr

Hallend von reinerm rnetall

dringt der gewaltige hauch ..

Mit der gestalten zug

flutet zum norden zurück

Mär von blut und von lust

mär von glut und von glanz:

Unserer kaiser gepräng

unserer kämpfer gedröhn.[57]

Quelle:
Stefan George: Das Neue Reich. Gesamt-Ausgabe der Werke, Band 9, Berlin 1928, S. 53-59.
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