An Hafis

[30] Was alle wollen, weißt du schon

Und hast es wohl verstanden:

Denn Sehnsucht hält, von Staub zu Thron,

Uns all in strengen Banden.


Es tut so weh, so wohl hernach,

Wer sträubte sich dagegen?

Und wenn den Hals der eine brach,

Der andre bleibt verwegen.
[30]

Verzeihe, Meister, wie du weißt,

Daß ich mich oft vermesse,

Wenn sie das Auge nach sich reißt,

Die wandelnde Zypresse.


Wie Wurzelfasern schleicht ihr Fuß

Und buhlet mit dem Boden;

Wie leicht Gewölk verschmilzt ihr Gruß,

Wie Ost-Gekos ihr Oden.


Das alles drängt uns ahndevoll,

Wo Lock an Locke kräuselt,

In brauner Fülle ringelnd schwoll,

Sodann im Winde säuselt.


Nun öffnet sich die Stirne klar,

Dein Herz damit zu glätten,

Vernimmst ein Lied so froh und wahr,

Den Geist darin zu betten.


Und wenn die Lippen sich dabei

Aufs niedlichste bewegen,

Sie machen dich auf einmal frei,

In Fesseln dich zu legen.


Der Atem will nicht mehr zurück,

Die Seel zur Seele fliehend,

Gerüche winden sich durchs Glück,

Unsichtbar wolkig ziehend.


Doch wenn es allgewaltig brennt,

Dann greifst du nach der Schale:

Der Schenke läuft, der Schenke kömmt

Zum erst und zweiten Male.
[31]

Sein Auge blitzt, sein Herz erbebt,

Er hofft auf deine Lehren,

Dich, wenn der Wein den Geist erhebt,

Im höchsten Sinn zu hören.


Ihm öffnet sich der Welten Raum,

Im Innern Heil und Orden,

Es schwillt die Brust, es bräunt der Flaum,

Er ist ein Jüngling worden.


Und wenn dir kein Geheimnis blieb,

Was Herz und Welt enthalte,

Dem Denker winkst du treu und lieb,

Daß sich der Sinn entfalte.


Auch daß vom Throne Fürstenhort

Sich nicht für uns verliere,

Gibst du dem Schach ein gutes Wort

Und gibst es dem Wesire.


Das alles kennst und singst du heut

Und singst es morgen eben:

So trägt uns freundlich dein Geleit

Durchs rauhe, milde Leben.[32]

Quelle:
Johann Wolfgang von Goethe: Berliner Ausgabe. Poetische Werke [Band 1–16], Band 3, Berlin 1960 ff, S. 30-33.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
West-östlicher Divan
West-oestlicher Divan: Stuttgart 1819
West-oestlicher Divan: Stuttgart 1819
West-östlicher Divan. Zwei Bände
West-östlicher Divan
West-östlicher Divan (insel taschenbuch)

Buchempfehlung

Apuleius

Der goldene Esel. Metamorphoses, auch Asinus aureus

Der goldene Esel. Metamorphoses, auch Asinus aureus

Der in einen Esel verwandelte Lucius erzählt von seinen Irrfahrten, die ihn in absonderliche erotische Abenteuer mit einfachen Zofen und vornehmen Mädchen stürzen. Er trifft auf grobe Sadisten und homoerotische Priester, auf Transvestiten und Flagellanten. Verfällt einer adeligen Sodomitin und landet schließlich aus Scham über die öffentliche Kopulation allein am Strand von Korinth wo ihm die Göttin Isis erscheint und seine Rückverwandlung betreibt. Der vielschichtige Roman parodiert die Homer'sche Odyssee in burlesk-komischer Art und Weise.

196 Seiten, 9.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon