[348] 1.
Ach du schöne klare Quell /
schnell' und hell!
fließ in süssen Freuden!
an dir wolle für und für /
Lust und Zier
mit viel Freuden weiden.
2.
Deiner Ufer Graß-Smaragd /
mir behagt /
vor das Türk Gewebe.
Was ist Gold und Seiden Wust /
ohne Lust?
Freud' und Freyheit lebe!
3.
Wann Aurora / in der Früh
sprengt die Blüh /
komm ich / sie zu grüssen;
opffer einen klingel-Reim /
in geheim;
eh Hitz-Strahlen schiessen.
[349]
4.
Mit dem hellen Demant-Thau /
ist die Au
durch und durch versetzet.
Niemand stillt den Himmel-Pracht
bey der Nacht /
er bleibt unverletzet.
5.
Hier sih' ich an allem Ort /
meinen Hort /
Hoffnung / so mein Leben.
Biß zum Westen von dem Ost /
muß mein Trost
mir vor Augen schweben.
6.
Ich vergönn / der Kronen Pracht /
Ehr und Macht /
dem / den sie belieben:
denke / bey der klaren Bach /
Tugend nach /
mich in ihr zu üben.
7.
Weil das Geld ein Sorgen-Nest:
ist das bäst /[350]
die Begierde fliehen;
mit der frischen Fischer-Schaar /
ohn Gefahr
Fisch davor beziehen.
8.
Nimm die Blumen an den Rand
um den Strand /
vor die edlen Steine:
sie sind / ohne Meeres-Reiß /
jedem Preiß /
gleich so schön von Scheine.
9.
In dem weissen Blüte-Buch /
ich aufsuch
die Erschaffungs-Wunder:
setze dann an jedes Blat /
an die statt /
Lob und Preiß darunter.
10.
Deiner Sänger Lufft gethön /
klingt so schön:
über Feld-Trompete /
die nur Blut und Mord bereit.
Dieser Streit
Lobt Gott in die Wette.
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Geistliche Sonnette, Lieder und Gedichte
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