Das VII. Kapitel.

[34] Courasche schreitet zur dritten Ehe und wird aus einer Hauptmännin eine Leutenantin, triffts aber nicht so wohl als vorhero, schlägt sich mit ihrem Leutenant umb die Hosen mit Prügeln und gewinnet solch durch ihre tapfere Resolution und Courage; darauf sich ihr Mann unsichtbar macht und sie sitzen läßt.


Mein Mann war kaum kalt und begraben, da hatte ich schon wiederumb ein ganz Dutzent Freier und die Wahl darunter, welchen ich aus ihnen nehmen wollte; dann ich war nicht allein schön und jung, sondern hatte auch schöne Pferd und ziemlich viel alt Geld; und ob ich mich gleich vernehmen ließe, daß ich meinem Hauptmann sel. zu Ehren noch ein halb Jahr[34] trauren wollte, so konnte ich jedoch die importune Hummeln, die umb mich wie umb einen fetten Honighafen, der Innen Deckel hat, herumbschwärmbten, nicht abtreiben. Der Obriste versprach mir bei dem Regiment Unterhalt und Quartier, bis ich meine Gelegenheit anders anstellte; hingegen ließe ich zween von meinen Knechten Herrendienste versehen; und wann es Gelegenheit gab, bei deren ich vor mein Person vom Feind etwas zu erschnappen getraute, so sparte ich meine Haut sowenig als ein Soldat, allermaßen ich in dem anmutigen und fast lustigen Treffen bei Wimpfen einen Leutenant und im Nachhauen unweit Heilbrunn einen Kornett samt seiner Standart gefangen bekommen; meine beide Knechte aber haben bei Plünderung der Wägen ziemliche Beuten an barem Gelt gemacht, welche sie unserem Akkord gemäß mit mir teilen mußten. Nach dieser Schlacht bekam ich mehr Liebhaber als zuvor, und demnach ich bei meinem vorigen Mann mehr gute Täge als gute Nächte gehabt, zumalen wider meinen Willen seit seinem Tod gefastet, siehe, so gedachte ich, durch meine Wahl alle solche Versaumnus wiedereinzubringen und versprach mich einem Leutenant, der meinem Bedunken nach alle seine Mitbuhler beides, an Schönheit, Jugend, Verstand und Tapferkeit, übertraf. Dieser war von Geburt ein Italianer, und zwar schwarz von Haaren, aber weiß von Haut, und in meinen Augen so schön, daß ihn kein Maler hätte schöner malen können. Er bewiese gegen mir fast eine Hundsdemut, bis er mich erlöffelt, und da er das Jawort hinweg hatte, stellte er sich so freudenvoll, als wann Gott die ganze Welt beraubt und ihn allein beseligt hätte. Wir wurden in der Pfalz kopuliert und hatten die Ehre, daß der Obriste selbst neben den meinsten hohen Offiziern des Regiments bei der Hochzeit erschienen, die uns alle vergeblich viel Glück in eine langwürige Ehe wünschten.

Dann nachdem wir nach der ersten Nacht bei Aufgang der Sonnen beisammen lagen, zu faulenzen, und uns mit allerhand liebreichem und freundlichem Gespräch unterhielten, ich auch eben aufzustehen vermeinte, da rufte mein Leutenant seinem Jungen zu sich vors Bette und befahl ihm, daß er zween starke Prügel herbeibringen sollte. Er war gehorsamb, und ich bildete mir ein, der arme Schelm würde dieselbe am allerersten versuchen müssen; unterließe derowegen nicht, vor den Jungen zu bitten, bis er beide Prügel brachte und auf empfangenen Befelch auf den Tisch zum Nachtzeug legte. Als nun der Jung wieder hinweg war, sagte mein Hochzeiter zu mir: »Ja! Liebste, Ihr wißt, daß jedermann darvorgehalten und geglaubt, Ihr hättet bei[35] Euers vorigen Manns Lebzeiten die Hosen getragen, welches ihme dann bei ehrlichen Gesellschaften zu nicht geringerer Beschimpfung nachgeredet worden; weil ich dann nicht unbillig zu besorgen habe, Ihr möchtet in solcher Gewohnheit verharren und auch die meinige tragen wollen, welches mir aber zu leiden unmüglich oder doch sonst schwer fallen würde; sehet, so liegen sie dorten auf dem Tische und jene zween Prügel zu dem Ende darbei, damit wir beide uns, wann Ihr sie etwan wie vor diesem Euch zuschreiben und behaupten wolltet, zuvor darumb schlagen könnten, sintemal mein Schatz selbst erachten kann, daß es besser getan ist, sie fallen gleich jetzt im Anfang dem einen oder andern Teil zu, als wann wir hernach in stehender Ehe täglich darumb kriegen.« Ich antwortete: »Mein Liebster! (und damit gab ich ihm gar einen herzlichen Kuß) ich hätte vermeint gehabt, diejenige Schlacht, so wir einander vor diesmal zu liefern, seie allbereit gehalten; so hab ich auch niemalen in Sinn genommen, Euere Hosen zu prätendiern, sondern, gleich wie ich wohl weiß, daß das Weib nicht aus des Manns Haupt, aber wohl aus seiner Seiten genommen worden, also habe ich gehofft, meinem -Herzliebsten werde solches auch bekannt sein, und er werde derowegen sich meines Herkommens erinnern und mich nicht, als wann ich von seinen Fußsohlen genommen worden wäre, vor sein Fußtuch, sondern vor sein Ehegemahl halten, vornehmblich, wann ich mich auch nicht unterstünde, ihme auf den Kopf zu sitzen, sondern mich an seiner Seiten behülfe mit demütiger Bitte, er wollte diese abendteurliche Fechtschul einstellen.« – »Ha ha!« sagte er, »das sein die rechte Weibergriffe, die Herrschaft zu sich zu reißen, ehe mans gewahr wird; aber es muß zuvor darumb gefochten sein, damit ich wisse, wer dem anderen künftig zu gehorsamen schuldig.« Und damit warfe er sich aus meinen Armen wie ein anderer Narr; ich aber sprang aus dem Bette und legte mein Hembt und Schlafhosen an, erwischte den kürzten, aber doch den stärksten Prügel und sagte: »Weil Ihr mir je zu fechten befehlet und dem obsiegenden Teil die Oberherrlichkeit (an die ich doch keine Ansprach zu haben begehrt) über den Überwundenen zusprecht, so wäre ich wohl närrisch, wann ich eine Gelegenheit aus Händen ließe, etwas zu erhalten, daran ich sonst nicht gedenken dörfte.« Er hingegen auch nicht faul; dann nachdem ich also seiner wartete und er seine Hosen auch angelegt, ertappete er den andern Prügel und gedachte, mich beim Kopf zu fassen, umb mir alsdann den Buckel fein mit guter Muße abzuraumen. Aber war ihm viel zu geschwind, dann ehe er sichs versahe, hatte[36] er eins am Kopf, davon er hinaustürmelte wie ein Ochs, dem ein Streich worden. Ich raffte die zween Stecken zusammen, sie zur Tür hinauszuwerfen, und da ich solche öffnete, stunden etliche Offizier darvor, die unserem Handel zugehöret und zum Teil durch einen Spalt zugesehen hatten; diese ließe ich lachen, solang sie mochten, schlug die Tür vor ihnen wieder zu, warf meinen Rock umb mich und brachte meinen Tropfen, meinen Hochzeiter wollte ich sagen, mit Wasser aus einem Lavor wieder zu sich selbst; und da ich ihn zum Tische gesetzt und mich ein wenig angekleidet hatte, ließe ich die Offizier vor der Tür auch zu uns ins Zimmer kommen.

Wie wir einander allerseits angesehen, mag jeder bei sich selbst erachten. Ich merkte wohl, daß mein Hochzeiter diese Offizier veranlaßt, daß sie sich umb diese Zeit vorm Zimmer einstellen und seiner Torheit Zeugen sein sollten; dann als sie den Hegel gefoppet, er würde mir die Hosen lassen müssen, hatte er sich gegen ihnen gerühmt, daß er einen sonderbaren Vorteil wisse, welchen er den ersten Morgen ins Werk setzen und mich dardurch so geschmeidig machen wollte, daß ich zittern würde, wann er mich nur scheel ansähe; aber der gute Mensch hätte es gegen einer anderen als der Courasche probiern mögen. Gegen mir hat er so viel ausgerichtet, daß er jedermanns Gespött worden, und ich hätte nicht mit ihm gehauset, wann mirs nicht von Höheren befohlen und auferlegt worden wäre. Wie wir aber miteinander gelebet, kann sich jeder leicht einbilden, nämblich wie Hund und Katzen. Als er sich nun anderergestalt an mir nicht revanchiern und auch das Gespött der Leute nicht mehr gedulten konnte, rappelte er einsmals alle meine Barschaft zusammen und gieng mit den dreien besten Pferden und einem Knecht zum Gegenteil.

Quelle:
Grimmelshausens Werke in vier Teilen. Band 3, Berlin, Leipzig, Wien, Stuttgart o.J. [1921], S. 34-37.
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