1. Meergruß

[195] Thalatta! Thalatta!

Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!

Sei mir gegrüßt zehntausendmal,

Aus jauchzendem Herzen,

Wie einst dich begrüßten

Zehntausend Griechenherzen,

Unglückbekämpfende, heimatverlangende,

Weltberühmte Griechenherzen.[195]

Es wogten die Fluten,

Sie wogten und brausten,

Die Sonne goß eilig herunter

Die spielenden Rosenlichter,

Die aufgescheuchten Möwenzüge

Flatterten fort, lautschreiend,

Es stampften die Rosse, es klirrten die Schilde,

Und weithin erscholl es, wie Siegesruf:

Thalatta! Thalatta!


Sei mir gegrüßt, du ewiges Meer!

Wie Sprache der Heimat rauscht mir dein Wasser,

Wie Träume der Kindheit seh ich es flimmern

Auf deinem wogenden Wellengebiet,

Und alte Erinnrung erzählt mir aufs neue

Von all dem lieben, herrlichen Spielzeug,

Von all den blinkenden Weihnachtsgaben,

Von all den roten Korallenbäumen,

Goldfischchen, Perlen und bunten Muscheln,

Die du geheimnisvoll bewahrst,

Dort unten im klaren Kristallhaus.


Oh! wie hab ich geschmachtet in öder Fremde!

Gleich einer welken Blume!

In des Botanikers blecherner Kapsel,

Lag mir das Herz in der Brust.

Mir ist, als saß ich winterlange,

Ein Kranker, in dunkler Krankenstube,

Und nun verlaß ich sie plötzlich,

Und blendend strahlt mir entgegen

Der smaragdene Frühling, der sonnengeweckte,

Und es rauschen die weißen Blütenbäume,

Und die jungen Blumen schauen mich an,

Mit bunten, duftenden Augen,

Und es duftet und summt, und atmet und lacht,[196]

Und im blauen Himmel singen die Vöglein –

Thalatta! Thalatta!


Du tapferes Rückzugherz!

Wie oft, wie bitteroft

Bedrängten dich des Nordens Barbarinnen!

Aus großen, siegenden Augen

Schossen sie brennende Pfeile;

Mit krummgeschliffenen Worten

Drohten sie mir die Brust zu spalten;

Mit Keilschriftbilletts zerschlugen sie mir

Das arme, betäubte Gehirn –

Vergebens hielt ich den Schild entgegen,

Die Pfeile zischten, die Hiebe krachten,

Und von des Nordens Barbarinnen

Ward ich gedrängt bis ans Meer –

Und frei aufatmend begrüß ich das Meer,

Das liebe, rettende Meer –

Thalatta! Thalatta!


Quelle:
Heinrich Heine: Werke und Briefe in zehn Bänden. Band 1, Berlin und Weimar 21972, S. 195-197.
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