[334] O Deutschland, mein Deutschland,
Was hast du erlebt!
Dein Himmel brach nieder,
Dein Boden erbebt.
Auf tönernen Füßen
Zerschellte dein Thron,
Die Flammen des Aufruhrs,
Sie flackern, sie lohn.
Dein Volk ist zerfallen
In feindlichem Zwist,
Die Brüder sich morden
Voll Wut und voll List.
[334]
Feig schleicht die Verleumdung,
Frech züngelt Verrat,
Der Satan der Zwietracht
Sät giftige Saat.
Es meuchelt die Kugel
Aus rasender Hand,
Die Räuber und Plündrer
Sind Herren im Land.
Die heiligen Grüfte
Unsterblicher Zeit,
Sie werden geschändet
Und schamlos entweiht.
An goldenen Kränzen
Vergreift sich die Gier,
Im Schlamme will schwelgen
Das trunkene Tier.
Ergaunerte Güter
Schiebt strotzend die Flut,
Ein prassender Pöbel
Beschmutzt, was er tut.
Was mühsam erworben,
Entwertet der Kauf,
Das Brot des Gerechten,
Der Wucher frißt's auf.
[335]
Den schaffenden Geistern
Verscharrt ist der Hort,
Die Not und die Sorgen
Ersticken ihr Wort.
Rachsüchtiger Friede
Zerrüttet das Reich,
Es saugen die Sieger
Dem Schemen dich gleich ...
Und dennoch, o Deutschland,
Kein Elend verschlingt,
Kein Frevel ein Lichtvolk,
Das frei sich bezwingt.
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Wenige Wochen vor seinem Tode äußerte Stramm in einem Brief an seinen Verleger Herwarth Walden die Absicht, seine Gedichte aus der Kriegszeit zu sammeln und ihnen den Titel »Tropfblut« zu geben. Walden nutzte diesen Titel dann jedoch für eine Nachlaßausgabe, die nach anderen Kriterien zusammengestellt wurde. – Hier sind, dem ursprünglichen Plan folgend, unter dem Titel »Tropfblut« die zwischen November 1914 und April 1915 entstandenen Gedichte in der Reihenfolge, in der sie 1915 in Waldens Zeitschrift »Der Sturm« erschienen sind, versammelt. Der Ausgabe beigegeben sind die Gedichte »Die Menscheit« und »Weltwehe«, so wie die Sammlung »Du. Liebesgedichte«, die bereits vor Stramms Kriegsteilnahme in »Der Sturm« veröffentlicht wurden.
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