Ein Erinnerungslied

[429] Nimm mich, nimm mich, Muse froher Tugend,

Mich noch einmal hin ins Eden meiner Jugend,

Das als Knospe mich dem Frühlinge entwand,

Wo ich, ganz mit Grazie begossen,

Meiner Freude erste Blüth' genossen,

Jeder Blüthe Morgenduft empfand!


Nimm von mir zwei Jahr-Olympiaden,

Laß mich in der Wunderquelle baden,

Die den Greis zum Jüngling neu verjüngt,

Die ins graue Haar ihm Rosen bindet,

Um den dürren Stab ihm Weinlaub windet,

In die Adern neuen Frühling singt;


Wo ich einst mit langen Othemzügen

Heitern Aether, immer neu Vergnügen,

Mit der Muttermilch die Weisheit sog,

Mit dem Auge überall sah junge Reize blühen,

Mit dem Ohre überall Gefühl und Harmonieen

Und der Freude Erstling in mich zog.
[429]

Drum, o Göttin meiner Jugendträume,

Komm und zeige mir die anmuthsreichen Bäume,

Die mit mir zur Krone aufgeblüht,

Wo mein erstes Liedeslallen ist gelungen,

Wo Du mir ein stärker Lied gesungen,

Das noch jetzt durch meine Adern glüht!


Zeige mir den Stamm, in den die Namen

Deiner Söhne, Kleist's und Lessing's, kamen,

Denen ich so oft, ach! nachgelallt,

Oft benetzt mit heißen Jugendzähren!

O, wenn alle volle Zweige wären,

Blühte schon ein kleiner Lorbeerwald!


Hier will ich mir meine Leyer höhlen,

Du sollst sie mit Zauberton beseelen,

Amorn in sie schließen, der sie dämpft.

Gieb Dein goldnes Haar zu goldnen Saiten,

Deine Stimme, jeden Ton zu leiten,

Und Dein Lied, das mit ihr kämpft!


Dann will ich zwar nicht auf Sonnenpfeilen

Adlergleich den höchsten Aether theilen,

Um mein Land zum Pindus zu erhöhn;

Aber sanft mit stillen Taubenflügeln

Will ich von der Morgenröthe Hügeln

Meine Jugend wiedersehn.


Meinen Kindheitsengel will ich singen,

Der mein junges Leben oft aus Schlingen,

Aus Gefahren mich mit sanften Banden riß;

Der dem zarten Geist der Weisheit Namen

Einschrieb, der ins weiche Herz den Samen

Jeder Tugend pflanzen ließ.


Singen will ich, die mit Mutterschmerzen

Mir das beste Blut aus ihrem Herzen

Schenkte, die mich in die Welt gebar,

Mich mit Milch und Schlaf und Nektarküssen tränkte,

Meinen Fuß und Herz und Zunge lenkte

Und mein zweiter Schöpfer war.


Mutter, die mich mit der Weisheit Tropfen nährte,

Die mich beten, fühlen, denken lehrte,[430]

O, gesegnet seist Du, Mutterschooß!

Wo ich früh als Mensch und Christ schon fühlte,

Gott mit Thränen lallte, – und sie kühlte

Jede Thrän', die ich vergoß.


Thränend will ich ihre Hände küssen,

Thränend meines Vaters Grab umschließen,

Wie ein Pilgrim, ringsum Rosen streun.

Ruhe sanft, mein Vater, Freund, Erhalter,

Patriot für zweene Menschenalter,

Dieses sei Dein Leichenstein!


Quelle:
Johann Gottfried Herder: Werke. Erster Theil. Gedichte, Berlin 1879, S. 429-431.
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