27. Erlkönigs Tochter
Dänisch

[281] Die drey letzten sind aus den Kiämpe-Viser, mir von andrer Hand mitgetheilt.


Herr Oluf reitet spät und weit,

Zu bieten auf seine Hochzeitleut';


Da tanzen die Elfen auf grünem Land',

Erlkönigs Tochter reicht ihm die Hand.


»Willkommen, Herr Oluf, was eilst von hier?

Tritt her in den Reihen und tanz' mit mir.«


»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,

Frühmorgen ist mein Hochzeittag.«


»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,

Zwei güldne Sporne schenk ich dir.


Ein Hemd von Seide so weiß und fein,

Meine Mutter bleichts mit Mondenschein.«


»Ich darf nicht tanzen, nicht tanzen ich mag,

Frühmorgen ist mein Hochzeittag.«


»Hör an, Herr Oluf, tritt tanzen mit mir,

Einen Haufen Goldes schenk ich dir.«
[281]

»Einen Haufen Goldes nähm ich wohl;

Doch tanzen ich nicht darf noch soll.«


»Und willt, Herr Oluf, nicht tanzen mit mir;

Soll Seuch und Krankheit folgen dir.«


Sie thät einen Schlag ihm auf sein Herz,

Noch nimmer fühlt er solchen Schmerz.


Sie hob ihn bleichend auf sein Pferd,

»Reit heim nun zu dein'm Fräulein werth.«


Und als er kam vor Hauses Thür,

Seine Mutter zitternd stand dafür.


»Hör an, mein Sohn, sag an mir gleich,

Wie ist dein' Farbe blaß und bleich?«


»Und sollt sie nicht seyn blaß und bleich,

Ich traf in Erlenkönigs Reich.«


»Hör an, mein Sohn, so lieb und traut,

Was soll ich nun sagen deiner Braut?«


»Sagt ihr, ich sey im Wald zur Stund,

Zu proben da mein Pferd und Hund.«


Frühmorgen und als es Tag kaum war,

Da kam die Braut mit der Hochzeitschaar.


Sie schenkten Meet, sie schenkten Wein,

»Wo ist Herr Oluf, der Bräutgam mein?«


»Herr Oluf, er ritt' in Wald zur Stund,

Er probt allda sein Pferd und Hund.«


Die Braut hob auf den Scharlach roth,

Da lag Herr Oluf und er war todt.[282]

Quelle:
Johann Gottfried Herder: Stimmen der Völker in Liedern. Stuttgart 1975, S. 281-283.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Volkslieder
Werke: Zweiter Band. Volkslieder
Volkslieder
Volkslieder
Laßt in die Herzen sie dringen: Volkslieder (Insel Bücherei)
Werke. 10 in 11 Bänden: Band 3: Volkslieder. Übertragungen. Dichtungen

Buchempfehlung

Suttner, Bertha von

Memoiren

Memoiren

»Was mich einigermaßen berechtigt, meine Erlebnisse mitzuteilen, ist der Umstand, daß ich mit vielen interessanten und hervorragenden Zeitgenossen zusammengetroffen und daß meine Anteilnahme an einer Bewegung, die sich allmählich zu historischer Tragweite herausgewachsen hat, mir manchen Einblick in das politische Getriebe unserer Zeit gewährte und daß ich im ganzen also wirklich Mitteilenswertes zu sagen habe.« B.v.S.

530 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon