[311] Aus Percy Reliq. Vol. 1, p. 57.
Dein Schwert, wie ists von Blut so roth?
Edward, Edward![311]
Dein Schwert, wie ists von Blut so roth,
Und gehst so traurig her? – O!
O ich hab geschlagen meinen Geyer todt,
Mutter, Mutter!
O ich hab geschlagen meinen Geyer todt,
Und keinen hab ich wie Er–O!
Dein's Geyers Blut ist nicht so roth,
Edward, Edward!
Dein's Geyers Blut ist nicht so roth,
Mein Sohn, bekenn mir frey – O!
O ich hab geschlagen mein Rothroß todt,
Mutter, Mutter!
O ich hab geschlagen mein Rothroß todt.
Und 's war so stolz und treu – O!
Dein Roß war alt und hasts nicht noth,
Edward, Edward!
Dein Roß war alt und hasts nicht noth,
Dich drückt ein ander Schmerz – O!
O ich hab geschlagen meinen Vater todt,
Mutter, Mutter!
O ich hab geschlagen meinen Vater todt,
Und weh, weh ist mein Herz – O!
Und was für Buße willt du nun thun?
Edward, Edward!
Und was für Busse willt du nun thun?
Mein Sohn bekenn mir mehr – O!
Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn,
Mutter, Mutter!
Auf Erden soll mein Fuß nicht ruhn,
Will gehn fern übers Meer – O!
Und was soll werden dein Hof und Hall?
Edward, Edward!
Und was soll werden dein Hof und Hall?
So herrlich sonst und schön – O![312]
Ich laß es stehn, bis es sink und fall',
Mutter, Mutter!
Ich laß es stehn, bis es sink und fall',
Mag nie es wieder sehn – O!
Und was soll werden dein Weib und Kind?
Edward, Edward!
Und was soll werden dein Weib und Kind,
Wann du gehst über Meer? – O!
Die Welt ist groß, laß sie bettlen drinn,
Mutter, Mutter!
Die Welt ist groß, laß sie bettlen drinn,
Ich seh sie nimmermehr – O!
Und was willt du lassen deiner Mutter theur?
Edward, Edward!
Und was willt du lassen deiner Mutter theur?
Mein Sohn, das sage mir – O!
Fluch will ich Euch lassen und höllisch Feur,
Mutter, Mutter!
Fluch will ich Euch lassen und höllisch Feur,
Denn ihr, ihr riethets mir! – O!
|
Ausgewählte Ausgaben von
Volkslieder
|
Buchempfehlung
»Fanni war noch jung und unschuldigen Herzens. Ich glaubte daher, sie würde an Gamiani nur mit Entsetzen und Abscheu zurückdenken. Ich überhäufte sie mit Liebe und Zärtlichkeit und erwies ihr verschwenderisch die süßesten und berauschendsten Liebkosungen. Zuweilen tötete ich sie fast in wollüstigen Entzückungen, in der Hoffnung, sie würde fortan von keiner anderen Leidenschaft mehr wissen wollen, als von jener natürlichen, die die beiden Geschlechter in den Wonnen der Sinne und der Seele vereint. Aber ach! ich täuschte mich. Fannis Phantasie war geweckt worden – und zur Höhe dieser Phantasie vermochten alle unsere Liebesfreuden sich nicht zu erheben. Nichts kam in Fannis Augen den Verzückungen ihrer Freundin gleich. Unsere glorreichsten Liebestaten schienen ihr kalte Liebkosungen im Vergleich mit den wilden Rasereien, die sie in jener verhängnisvollen Nacht kennen gelernt hatte.«
72 Seiten, 4.80 Euro
Buchempfehlung
Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für den zweiten Band eine weitere Sammlung von zehn romantischen Meistererzählungen zusammengestellt.
428 Seiten, 16.80 Euro