Maygesang

[213] Röther färbt sich der Himmel!

Eine goldene Wolke

Thaut den May und die Liebe

Auf die wartende Flur herab!


Sein allmächtiges Lächeln

Giebt dem Strauche die Blätter,

Giebt dem Baume die Knospen,

Und dem Haine den Lenzgesang.


Seinen Tritten entwimmeln,

Grüne, lachende Kräuter,

Tausendfarbige Blumen,

Purpur, Silber und lichtes Gold.


Seine Tochter, die Liebe,

Baut dem Vogel die Nester,

Paaret Blumen und Blüthen,

Führt die Männin dem Manne zu.


Liebe rauschen die Blätter,

Liebe duften die Blüthen,

Liebe rieselt die Quelle,

Liebe flötet die Nachtigall.


Nachtigallen die wirbeln

Auf das Lager des Jünglings

Goldne Träume der Liebe,

Goldne Träume von Kuß und Spiel.


Und er spielet im Traume

Mit dem bebenden Busen

Seiner schönen Geliebten,

Küßt den rosigen lieben Mund.
[213]

Lauben klingen von Gläsern,

Lauben rauschen von Küßen,

Und von frohen Gesprächen,

Und vom Lächeln der Liebenden.


Ringsum grünen die Hecken,

Ringsum blühen die Bäume,

Ringsum zwitschern die Vögel,

Ringsum summet das Bienenvolk.


Roth und grün ist die Wiese,

Blau und golden der Aether,

Hell und silbern das Bächlein,

Kühl und schattig der Buchenwald.


Das Geklingel der Heerden

Tönt vom Thale herüber,

Und die Flöte des Hirten

Weckt den schlummernden Abendhayn.
[214]

Quelle:
Ludwig Christoph Heinrich Hölty: Sämtliche Werke. Band 1, Weimar 1914, S. 213-215.
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