8. Die Brummfliege

[432] Fürstenzürnen, böses Zürnen!

Königsgrimm, o schlimm Verhängnis!


Herrlich glänzt das Schloß, das güldne,

Von der Säulen Wald umkränzet,[432]

Mit den Toren, blau, von Jaspis.

Aber das Entsetzen blicket

Tulifäntchen bleich entgegen

In dem Schloß, aus jedem Antlitz.


Auf nun rauschen ihm die Flügel

Zu den innersten Gemächern,

Und er steht im Marmorsaale

Unter weiblichen Ministern,

Reichs-Kron-Würdeträgerinnen,

Adjutantinnen der Garde.


Und Brünette ging zurücke,

Tulifäntchen war alleine

Unter den besternten Weibern.

Alle schaun, von Angst geschüttelt,

Nach dem roten Damastvorhang,

Welcher deckt den Grund des Saales,

Aber die Premierminist'rin

Lauschet durch des Zeuges Falte.


Tulifäntchen naht sich zierlich

Der Minist'rin, spricht in Züchten:

»Damen seh' ich voll Bedrängnis,

Wollet Exzellenz gebieten

Über Eures Ritters Kräfte!

Was trübt Eurer Augen Sternglanz,

Daß sie, Sonnen des Gesichtes,

Nur durch Nebel düster brennend,

Künden finstern Tag der Seele?«


»Ritter«, sagte die Minist'rin,

»Wisse, dieses ist die Stunde,

Wo die nie genug gelobte

Große Kön'gin Grandiose

Denkt ans Glück der Untertanen.«[433]

»Nicht versteh' ich Eure Rede«,

Sprach der Held, Don Tulifäntchen.


»Siehe!« sagte die Minist'rin;

Hob den Vorhang auf, da schaut' er

Im gewölbten Kabinette

Hehr die Kön'gin Grandiose,

Angetan mit Hermelinvlies,

Auf dem Haupt die goldne Krone,

Goldnen Zepter in der Rechten,

In der Linken den Reichsapfel,

Ganz genau wie Karo-Dame.

Sinnend saß sie, tiefes Denken

Hatte sie durchaus umwoben.

Der bemeldete Reichsapfel

War gefüllt mit Spaniole,

Und sie schnupfte draus voll Inbrunst.


»Warum bebt Ihr, wenn der Kön'gin

Landesmütterliche Liebe

Sich zum Heil des Volkes abmüht?«

Frug der Held Don Tulifäntchen.


Trüb versetzte die Minist'rin:

»Fremdling du im Land der Frauen,

Wisse, daß die große Kön'gin

Nie so leicht ist aufzuregen,

Als wenn sie sich ganz vertieft hat

In die edelsten Gedanken.

Darum faßt uns stets ein Bangen,

Denkt sie an das Glück des Landes,

Denn dann fließen ihre Tränen

Einem schönen Ideale,

Wie es könnte sein, und nicht ist.

Greift das Leben dann, das rohe,

Ins Konzert der Seele, stört sie

Nur ein Sonnenstäubchen, das nicht

Nach dem höchsten Willen kräuselt,[434]

Fährt sie furchtbar auf, und meistens

Läßt sie, um sich herzustellen

Zum Regentengleichgewichte,

Ihrer Nächsten köpfen ein'ge.«


Ernst erwog in seiner Seele

Dies der Held. Urplötzlich aber

Sah er dringende Gefahren

Für die schutzvertrauten Frauen,

Für das Volk von Micromona,

Denn so hieß die Stadt, die große.


Zu dem offnen Fenster sausend

Schoß herein der Fliegen eine,

Die uns Brummer oder Schmeißer

Nennet die Naturbeschreibung.

Erst vom weiten flog die Wüste

In unangemeßner Weise

Um die Krone, um den Zepter,

Um den Vlies, und um die goldne

Spaniol-Reichsapfeldose.

Doch der kugelrunden Augen

Freches Demagogenleuchten

Zeigte deutlich, daß sie strebet',

Auf die Nase sich der Kön'gin


Hochverrät'risch hinzupflanzen.


Da empfiehlt sich Tulifäntchen

Hergebrachterweis' im stillen

Der Geliebten, die noch nicht ihm

Ward beschieden, zieht vom Leder,

Zieh'nd am Lackgriff, schwingt und wetzet

Vaters guten Federflamberg.

Flüstert: »Edle Damen, gramschwer,

Betet für des Jünglings Heil nun!

Eine Tathandlung verrichtet

Seine Faust zu Eurem Frommen.

Doch wenn ihn sein Stern dem Tod weiht,[435]

Geb' ein simpler Stein Bescheid nur

Von dem Namen, dem Geschlechte.

Tulifäntchen heißt der Jüngling,

Tulifantens Sohn; er rühmt sich

Reinen Bluts und edler Eltern.«


Sprach's; und sprang mit gleichen Füßen

In das Kabinett der Kön'gin.

Leise, wie ein Mückchen, schritt er

Über die gebohnten Dielen.

Kön'gin Grandiose hörte

Nicht des Paladines Schreiten,

Sondern dachte tiefgerühret,

Eine große Trän' im Auge,

An das Glück der Untertanen.


Quelle:
Karl Immermann: Werke. Herausgegeben von Benno von Wiese, Band 1, Frankfurt a.M., Wiesbaden 1971–1977, S. 432-436.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Tulifäntchen
Tulifäntchen
Tulifäntchen: Ein Heldengedicht in Drei Gesängen (German Edition)

Buchempfehlung

Hoffmann, E. T. A.

Die Serapionsbrüder

Die Serapionsbrüder

Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica

746 Seiten, 24.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon