Der verwitterte St. Stephansturm1

[82] Turm, der du viele hundert Jahr'

Aufstrebtest stolz ins Reich der Lüfte,

Um dessen Haupt der Felsenaar

Wie um den Mast die Möwe schiffte,


Auch dich zerfraß der Zeiten Zahn.

Um dir noch Leben zu erzwingen,

Strich man dich Sterbenden noch an

Und band den Leib mit Eisenringen.


So hatte man Eid von Vivar,

Den greisen, noch aufs Roß gebunden,

Als er schon eine Leiche war,

Das Stahlkleid über alte Wunden.


So lagen Ringe schwer von Erz

Dem treuen Heinrich in der Sage

Ums alte, gramerfüllte Herz,

Auf daß aus ihm nicht brach die Klage.


Wo ist die Glocke, riesiggroß,

Die oft die Luft gesetzt in Wogen,

Guß aus des Christenfeinds Geschoß,

Das deinen Nacken nicht gebogen?[82]


Die Glocke rühren nimmer sie,

Sie ruhet hinter morschen Gittern;

Es möcht' die Donnermelodie

Zu sehr den alten Leib erschüttern.


Daß deinem Haupt ein Kreuz man bot,

Auf daß dein Wuchs noch höher reiche,

Das ist ein Strecken vor dem Tod,

Das ist das Wachstum einer Leiche.


Von Hagel, Sturm und Regenguß,

Von Blitz und Bomben oft getroffen,

Gesteinigt wie dein Stephanus,

Siehst wohl auch du den Himmel offen.


Was soll Scheinleben dir und Zwang?

Mein Turm! zerspreng die Eisenringe!

Einstürzend unterm Glockenklang

Ein Schwanenlied den Sternen singe!


Dann aus dem Schutte, Turmes Geist!

Flieg' eine Wolk' in Himmels Fernen,

Vom Felsenaare noch umkreist,

Mit ihm verschwindend unter Sternen!

1

In einer Korrespondenz aus Wien heißt es: »Ich war auch auf dem armen Stephansturm; ich nenne ihn arm, denn er ist mit eisernen Ringen umgeben, die ihn noch an das Leben ketten sollen, und doch sieht man an den brödelichten, verwitterten Steinen, die man jetzt zu besserer Erhaltung teilweise mit Ölfarbe anstreicht, daß er ausgelebt hat. Auf seiner Spitze über dem Adler soll ein großes goldnes Kreuz zu stehen kommen, wodurch er um einige Schuhe höher wird als das Straßburger Münster. Die große Glocke, aus Kanonen der Türken gegossen, darf der Erschütterung wegen nicht mehr geläutet werden.«

Quelle:
Justinus Kerner: Werke. 6 Teile in 2 Bänden, Band 1, Berlin 1914, S. 82-83.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Naubert, Benedikte

Die Amtmannin von Hohenweiler

Die Amtmannin von Hohenweiler

Diese Blätter, welche ich unter den geheimen Papieren meiner Frau, Jukunde Haller, gefunden habe, lege ich der Welt vor Augen; nichts davon als die Ueberschriften der Kapitel ist mein Werk, das übrige alles ist aus der Feder meiner Schwiegermutter, der Himmel tröste sie, geflossen. – Wozu doch den Weibern die Kunst zu schreiben nutzen mag? Ihre Thorheiten und die Fehler ihrer Männer zu verewigen? – Ich bedaure meinen seligen Schwiegervater, er mag in guten Händen gewesen seyn! – Mir möchte meine Jukunde mit solchen Dingen kommen. Ein jeder nehme sich das Beste aus diesem Geschreibsel, so wie auch ich gethan habe.

270 Seiten, 13.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon