An das Trinkglas eines verstorbenen Freundes

[151] Du herrlich Glas, nun stehst du leer,

Glas, das er oft mit Lust gehoben;

Die Spinne hat rings um dich her

Indes den düstern Flor gewoben.


Jetzt sollst du mir gefüllet sein

Mondhell mit Gold der deutschen Reben!

In deiner Tiefe heil'gen Schein

Schau' ich hinab mit frommem Beben.[151]


Was ich erschau' in deinem Grund,

Ist nicht Gewöhnlichen zu nennen,

Doch wird mir klar zu dieser Stund',

Wie nichts den Freund vom Freund kann trennen.


Auf diesen Glauben, Glas so hold!

Trink' ich dich aus mit hohem Mute.

Klar spiegelt sich der Sterne Gold,

Pokal, in deinem teuren Blute


Still geht der Mond das Tal entlang,

Ernst tönt die mitternächt'ge Stunde,

Leer steht das Glas, der heil'ge Klang

Tönt nach in dem kristallnen Grunde.

Quelle:
Justinus Kerner: Werke. 6 Teile in 2 Bänden, Band 1, Berlin 1914, S. 151-152.
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