Laß nicht Jugend! Laß nicht Liebe!

[205] Steht der Himmel schwarz umzogen,

Daß man ihn muß traurend wähnen,

Wandeln sich zum farb'gen Bogen

Schnell oft alle seine Tränen.


Mitten unter Donnerwettern

Hört' ich schon aus voller Kehle

Freudig eine Lerche schmettern,

Flöten eine Philomele.


Wird dir Erd' und Himmel trübe,

Beugt dich Gram und Alter nieder,

Laß nicht Jugend, laß nicht Liebe,

Laß nicht den Gesang der Lieder!


Treu, im immerwarmen Busen

Eine innre Farbenquelle,

Wahr' den Born, mit dem die Musen

Dir ersetzen Tageshelle.

Quelle:
Justinus Kerner: Werke. 6 Teile in 2 Bänden, Band 1, Berlin 1914, S. 205-206.
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