Fünftes Lied

[16] Sahst du die Thräne, welche mein Herz vergoss,

Mein Ebert? Traurend lehn' ich auf dich mich hin.

Sing mir begeistert, als vom Dreyfuss,

Brittischen Ernst, dass ich froh wie du sey!


Doch jetzt auf Einmahl wird mir das Auge hell!

Gesichten hell, und hell der Begeisterung!

Ich seh' in Wingolfs fernen Hallen

Tief in den schweigenden Dämmerungen,


Dort seh' ich langsam heilige Schatten gehn!

Nicht jene, die sich traurig von Sterbenden

Erheben, nein, die, in der Dichtkunst

Stund' und der Freundschaft, um Dichter schweben!


Sie führet, hoch den Flügel, Begeistrung her!

Verdeckt dem Auge, welches der Genius

Nicht schärft, siehst du sie, seelenvolles,

Ahndendes Auge des Dichters, du nur!
[17]

Drey Schatten kommen! neben den Schatten tönts

Wie Mimers Quelle droben vom Eichenhain

Mit Ungestüm herrauscht, und Weisheit

Lehret die horchenden Wiederhalle!


Wie aus der hohen Drüden Versamlungen,

Nach Braga's Telyn, nieder vom Opferfels,

Ins lange tiefe Thal der Waldschlacht,

Satzungenlos sich der Barden Lied stürzt!


Der du dort wandelst, ernstvoll und heiter doch,

Das Auge voll von weiser Zufriedenheit,

Die Lippe voll von Scherz; (Es horchen

Ihm die Bemerkungen deiner Freunde,


Ihm horcht entzückt die feinere Schäferin,)

Wer bist du, Schatten? Ebert! er neiget sich

Zu mir, und lächelt. Ja er ist es!

Siehe der Schatten ist unser Gärtner!


Uns werth, wie Flakkus war sein Quintilius,

Der unverhüllten Wahrheit Vertraulichster,

Ach kehre, Gärtner, deinen Freunden

Ewig zurück! Doch du fliehest fern weg!
[18]

Fleuch nicht, mein Gärtner, fleuch nicht! du flohst ja nicht,

Als wir an jenen traurigen Abenden,

Um dich voll Wehmuth still versammelt,

Da dich umarmten, und Abschied nahmen!


Die letzten Stunden, welche du Abschied nahmst,

Der Abend soll mir festlich auf immer seyn!

Da lernt' ich, voll von ihrem Schmerze,

Wie sich die wenigen Edlen liebten!


Viel Mitternächte werden noch einst entfliehn.

Lebt sie nicht einsam, Enkel, und heiligt sie

Der Freundschaft, wie sie eure Väter

Heiligten, und euch Exempel wurden!


Quelle:
Friedrich Gottlieb Klopstock: Oden, Band 1, Leipzig 1798, S. 16-19.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lessing, Gotthold Ephraim

Philotas. Ein Trauerspiel

Philotas. Ein Trauerspiel

Der junge Königssohn Philotas gerät während seines ersten militärischen Einsatzes in Gefangenschaft und befürchtet, dass er als Geisel seinen Vater erpressbar machen wird und der Krieg damit verloren wäre. Als er erfährt, dass umgekehrt auch Polytimet, der Sohn des feindlichen Königs Aridäus, gefangen genommen wurde, nimmt Philotas sich das Leben, um einen Austausch zu verhindern und seinem Vater den Kriegsgewinn zu ermöglichen. Lessing veröffentlichte das Trauerspiel um den unreifen Helden 1759 anonym.

32 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon