Heinrich der Vogler

[74] Der Feind ist da! Die Schlacht beginnt!

Wohlauf zum Sieg' herbey!

Es führet uns der beste Mann

Im ganzen Vaterland!


Heut fühlet er die Krankheit nicht,

Dort tragen sie ihn her!

Heil, Heinrich! heil dir Held und Mann

Im eisernen Gefild


Sein Antlitz glüht vor Ehrbegier,

Und herscht den Sieg herbey!

Schon ist um ihn der Edlen Helm

Mit Feindesblut bespritzt!


Streu furchtbar Strahlen um dich her,

Schwert in des Kaisers Hand,

Dass alles tödtliche Geschoss

Den Weg vorübergeh!
[75]

Willkommen Tod fürs Vaterland!

Wenn unser sinkend Haupt

Schön Blut bedeckt, dann sterben wir

Mit Ruhm fürs Vaterland!


Wenn vor uns wird ein ofnes Feld

Und wir nur Todte sehn

Weit um uns her, dann siegen wir

Mit Ruhm fürs Vaterland!


Dann treten wir mit hohem Schritt

Auf Leichnamen daher!

Dann jauchzen wir im Siegsgeschrey!

Das geht durch Mark und Bein!


Uns preist mit frohem Ungestüm

Der Bräutgam und die Braut;

Er sieht die hohen Fahnen wehn,

Und drückt ihr sanft die Hand,


Und spricht zu ihr: Da kommen sie,

Die Kriegesgötter, her!

Sie stritten in der heissen Schlacht

Auch für uns beide mit!
[76]

Uns preist der Freudenthränen voll

Die Mutter, und ihr Kind!

Sie drückt den Knaben an ihr Herz,

Und sieht dem Kaiser nach.


Uns folgt ein Ruhm, der ewig bleibt,

Wenn wir gestorben sind,

Gestorben für das Vaterland

Den ehrenvollen Tod!


Quelle:
Friedrich Gottlieb Klopstock: Oden, Band 1, Leipzig 1798, S. 74-77.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Diderot, Denis

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Die Nonne. Sittenroman aus dem 18. Jahrhundert

Im Jahre 1758 kämpft die Nonne Marguerite Delamarre in einem aufsehenerregenden Prozeß um die Aufhebung ihres Gelübdes. Diderot und sein Freund Friedrich Melchior Grimm sind von dem Vorgang fasziniert und fingieren einen Brief der vermeintlich geflohenen Nonne an ihren gemeinsamen Freund, den Marquis de Croismare, in dem sie ihn um Hilfe bittet. Aus dem makaberen Scherz entsteht 1760 Diderots Roman "La religieuse", den er zu Lebzeiten allerdings nicht veröffentlicht. Erst nach einer 1792 anonym erschienenen Übersetzung ins Deutsche erscheint 1796 der Text im französischen Original, zwölf Jahre nach Diderots Tod. Die zeitgenössische Rezeption war erwartungsgemäß turbulent. Noch in Meyers Konversations-Lexikon von 1906 wird der "Naturalismus" des Romans als "empörend" empfunden. Die Aufführung der weitgehend werkgetreuen Verfilmung von 1966 wurde zunächst verboten.

106 Seiten, 6.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon