[112] Vorige. Albertine. Emilie.
ALBERTINE zu Emilie. Unsinn, ich lasse mich nicht so leicht einschüchtern, wie du. Zu Wilhelm. Sie wünschen mit mir zu sprechen, Herr Knorr?
WILHELM. Zu dienen, Frau Schwiegermutter. Ich möchte höflichst um eine Auskunft bitten.
ALBERTINE. Und was ist gefällig?
WILHELM. Meine Frau – nebenbei gesagt, ein vortreffliches Wesen, das Ihrer Erziehung alle Ehre macht –
ALBERTINE ihn unterbrechend. Ohne Vorrede, wenn ich bitten darf.
WILHELM. Schön, also ohne Vorrede. Heute, zum ersten Male nach meiner Verheiratung, hat Emilie mich in sehr auffallender Weise gebeten, nicht in den Verein zu gehen.
ALBERTINE spöttisch. So? Sie gehen in einen Verein?
WILHELM. Ja, ich gehe alle Montage in den Verein.
ALBERTINE. Sie gehen alle Montage in den Verein? Anton, hörst du? Herr Knorr geht alle Montage in den Verein.
HASEMANN im Kursbuch blätternd. Ja, er geht alle Montage in den Verein.
WILHELM. Sie scheinen darüber erstaunt zu sein?
ALBERTINE. Allerdings bin ich erstaunt, höchst! Nicht wahr, Anton, wir sind erstaunt – höchst! –
HASEMANN. Höchst – Frankfurt – Soden – 8 Uhr 28 mit'n Schnellzug.
ALBERTINE leise zu Hasemann. Anton, ich dächte, die Sache wäre wichtig genug, so daß du etwas aufmerksamer zuhören könntest.
HASEMANN ruhig. So?
WILHELM. Da nun meine Emilie heute, ehe sie mir die hübsche Szene machte, vorher bei Ihnen zur Kaffee-Soiree war, so vermute ich –[112]
ALBERTINE. Was vermuten Sie?
EMILIE Wilhelm am Rock zupfend. So schweige doch.
WILHELM. Daß Sie mit meiner Frau über diese Vereinsangelegenheit gesprochen und ihr Verhaltungsmaßregeln gegeben haben.
ALBERTINE. Und wenn dem so wäre?
WILHELM. Dann würde ich Sie bitten, Frau Schwiegermutter, das in Zukunft zu unterlassen, weil dadurch sehr leicht unser häuslicher Frieden gestört werden könnte.
EDUARD beiseite. Ach, wenn ich doch auch so reden könnte!
ALBERTINE. So? Also ich störe Ihren häuslichen Frieden? Hörst du's Anton, ich störe den häuslichen Frieden meiner Tochter.
HASEMANN. Ja.
EMILIE. Er meint es ja nicht so, Mutter.
ALBERTINE abweisend. Ich brauche deinen Schutz nicht. Zu Wilhelm. Sie wollen also sagen, daß ich nicht im stande bin, meinen Kindern gute Lehren zu geben, Sie wollen meine Kinder zum Ungehorsam gegen mich zwingen, Sie wollen –
WILHELM. Bitte, das will ich nicht. Ich achte selber meine Eltern viel zu hoch, als daß ich es billigen könnte, wenn Emilie unehrerbietig gegen ihre Mutter handeln würde.
HASEMANN zu Albertine. Na, da hörst du's.
ALBERTINE. Schweige doch, der hinkende Bote wird schon nachkommen.
WILHELM. Aber –
ALBERTINE. Na, was habe ich gesagt? Aber –?
WILHELM. Aber in einer Ehe, noch dazu in einer so jungen Ehe, wie die unsrige, ist jede Einmischung eines Dritten, selbst wenn dieser Dritte eine Mutter wäre, vom Uebel.
ALBERTINE. Ach, Sie werden mir doch erlauben, es unpassend zu finden, wenn Sie die halbe Nacht außer dem Hause zubringen?
WILHELM. Nein, das erlaube ich nicht; denn ich finde nichts Unpassendes darin, ein paar Stunden mit guten Freunden zuzubringen und fröhliche Lieder zu singen.
ALBERTINE. Kurz und gut, ich finde es unpassend, daß Sie jeden Montag in den Verein gehen und Ihre Frau die halbe Nacht allein lassen.[113]
WILHELM. Kurz und gut, ich werde nach wie vor jeden Montag in den Verein gehen und bitte Sie, Ihre Ansicht hierüber für sich zu behalten.
ALBERTINE. Ach, das sind Impertinenzen! Auf Eduard blickend. Und noch dazu in Gegenwart fremder Leute. Stürzt auf Eduard zu. Mein Herr, was machen Sie noch hier?
EDUARD zaghaft. Liebe Frau Hasemann, ich wollte nur fragen, ob ich nicht Fräulein Rosa –
ALBERTINE grob. Nein, meine Tochter ist leidend. Ein andermal, wenn ich bitten darf. Geht erregt auf und ab.
EDUARD. Empfehle mich. Geht nach der Mitteltür.
EMILIE hält Eduard zurück, indem sie das Benehmen ihrer Mutter zu entschuldigen sucht.
ALBERTINE. Ich bin außer mir – ich finde keine Worte! Zu Wilhelm. Auf Ihre Unverschämtheit soll Ihnen mein Mann antworten. Hörst du, Anton, du sollst antworten.
HASEMANN zu Wilhelm, welcher inzwischen leise mit ihm gesprochen. Ja wohl, Wilhelm, da haben Sie ganz recht.
ALBERTINE aufschreiend. Mann, was sagst du?
HASEMANN sehr ruhig. Schreie nicht so, Tine, du könntest dir inwendig ein Gefäß zerplatzen.
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Als Hoffmanns Verleger Reimer ihn 1818 zu einem dritten Erzählzyklus - nach den Fantasie- und den Nachtstücken - animiert, entscheidet sich der Autor, die Sammlung in eine Rahmenhandlung zu kleiden, die seiner Lebenswelt entlehnt ist. In den Jahren von 1814 bis 1818 traf sich E.T.A. Hoffmann regelmäßig mit literarischen Freunden, zu denen u.a. Fouqué und Chamisso gehörten, zu sogenannten Seraphinen-Abenden. Daraus entwickelt er die Serapionsbrüder, die sich gegenseitig als vermeintliche Autoren ihre Erzählungen vortragen und dabei dem serapiontischen Prinzip folgen, jede Form von Nachahmungspoetik und jeden sogenannten Realismus zu unterlassen, sondern allein das im Inneren des Künstlers geschaute Bild durch die Kunst der Poesie der Außenwelt zu zeigen. Der Zyklus enthält unter anderen diese Erzählungen: Rat Krespel, Die Fermate, Der Dichter und der Komponist, Ein Fragment aus dem Leben dreier Freunde, Der Artushof, Die Bergwerke zu Falun, Nußknacker und Mausekönig, Der Kampf der Sänger, Die Automate, Doge und Dogaresse, Meister Martin der Küfner und seine Gesellen, Das fremde Kind, Der unheimliche Gast, Das Fräulein von Scuderi, Spieler-Glück, Der Baron von B., Signor Formica
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