Sechster Auftritt

[163] BALTHASAR tritt auf mit zur Erde gebeugtem Antlitz.

FRANZ ihm entgegen.

So kommst du endlich – doch ich lese, Alter,

In deiner Miene deine Antwort schon.

BALTHASAR.

Alles vergeblich! – Ihr empörter Haß

Hat jeden Damm gesprengt, und sonder Scheu

Verschmäht er selbst den Schein der Mäßigung.

Haß macht sie blind, macht sehend sie zugleich,

Der Klugheit Stelle selbst vertritt er ihnen.

Euch wollen sie – nur Euch – sind taub

Für alles, was nicht Franz heißt.

FRANZ.

Und der Pfalzgraf?[163]

BALTHASAR.

Der Schlimmste schien er mir von allen drein.

Es stachelt ihn zur Wut des eigenen

Gewissens Vorwurf, deutlich sah ich es.

Kurzum, sie haben nur das eine Wort:

Auf Gnad' und Ungenad' müßt Ihr Euch geben;

Nicht andern Pakt zu schließen schworen sie.

FRANZ.

Mich geben – wie? Und du schlugst ihnen vor

Der Ebernburg, der andern Festen Übergabe?

BALTHASAR.

Nein, Herr. – Mein altes Auge bohrte sich

Durch ihre Wämser in die Herzen ein,

Doch stählerner als Panzer waren die.

Vergeblich war's – und darum schwieg ich still.

FRANZ.

Dank, alter Freund! So ist die Ehr' gerettet.

Genad' und Ungenade! – – So weit schon

Glauben die Übermüt'gen mich gekommen?

Die Toren! Frei fühlt dieser Arm sich noch.

BALTHASAR.

Hört weiter, Herr! Als ich von dannen zog,

Erfuhr ich auch des Übermutes Grund.

Verbundnen Auges wurde ich geführt.

Doch als des Lagers Grenze ich erreicht

Und man die Binde abnahm, wandt' ich mich,

Nachdenklich das Gefilde überschauend.

Da – an dem Rande einer Hecke sah ich

Der Maurer einen, welche dieser Burg

Befestigung geleitet, stehn. Scheu bückt' er sich,

Ich aber ruf ihn an – da hebt er sich,

Steht zitternd da, in seinem bleichen Antlitz

Lag das Bekenntnis seiner Judastat!

Daher der Geist, der jede Kugel lenkt,

Sie der Geheimnisse des Baues kundig

Zerstörend in die schwächsten Stellen treibt!

Als ich das sah – da senkte ich den Blick.

– Steht's so – wie lange halten wir uns noch?


Er tritt auf Franz zu, seine Hände fassend, mit wehmütigstem Ausdruck.


Herr! wo ich forschend auch das Aug' hinwende,

Ich sehe Rettung nirgend – nirgend mehr!

FRANZ.

Verrat also, das ist die Fürstenwaffe,

Und darauf gründet sich ihr Fürstenstolz?!

– Blick nicht zur Erde, Balthasar, blick auf!

Im Äußersten erst offenbaret sich[164]

Des Mannes ganze Kraft. – Verblassend weichen

Zurücke von ihm die Bedenken all,

Die erdgeboren ihn zur Erde ziehn,

Und aus dem Schiffbruch viel verschlungner Pläne

Und aus den Trümmern seiner eitlen List

Hebt sich der Geist in seine reine Größe.

In die Unendlichkeit, die in ihm schlummert,

Die Willensallmacht kehrt er wachsend ein,

Saugt zugedrückten Auges neue Kraft,

Neue Erfüllung aus sich selber, setzt

Auf eine Karte seines Lebens Summe,

Und sich entladend flammt er auf zur Tat,

Die gleich dem Blitz in einem Augenblick

Der festgewordnen Dinge Antlitz ändert.

– Durch Klugheit, sagtest du, hab ich gefehlt;

Wohlan, die Tat, die kühne, soll mich lösen!

BALTHASAR.

Was sinnt Ihr, Herr?

FRANZ.

Die Morgensonne lacht

Mir freudiges Gelingen in das Herz,

Und mich durchströmet der Entschließung Feuer.

Ich komme, Deutschland –

BALTHASAR ängstlich einfallend.

Sagt, was habt Ihr vor?


Man hört von weitem kriegerische Musik. Beide horchen auf.


FRANZ.

Hörst du? Sie nahn! Sie selber geben mir

Das Zeichen, stimmen ein in die Musik,

Die mir im Innern allgewaltig tönt.

EIN KNAPPE hereinstürzend.

Herr Ritter, rüstet Euch! Auf ganzer Linie

Naht sich der Feind. Er schickt zum Sturm sich an.

FRANZ.

Du Eisen, Gott des Mannes, Zauberrute,

Die in Erfüllung seine Wünsche schlägt,

Du letzter Hort, der in Verzweiflungsnacht

Ihm strahlt, du, seiner Freiheit höchstes Pfand!

Dir anvertrau ich jetzt die eh'rnen Lose.

– Da draußen windet sich in langer Linie

Ein feindlich Heer um mich, und enger noch

Umstricken meine Brust des Vorwurfs Schlangen.

Den Doppelknoten sollst du jetzt mir lösen,

Einen von beiden lösest du gewiß!


Quelle:
Ferdinand Lassalle: Franz von Sickingen. Stuttgart 1974, S. 163-165.
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Franz von Sickingen
Franz von Sickingen; a tragedy in five acts (1910)
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