Capri

[36] Am Abend kamen die Winde frischer,

Wir fuhren das holde Capri vorbei.

Die Barcarole sang ein Fischer

Und hing sein tropfend Ruder bei.


Zwei Vorgebirge, die Bucht umragend,

Erhoben, von Kaktus und Wein umlaubt,

Der Vorzeit Mauerkronen tragend,

Ihr sonnverbranntes Felsenhaupt.


Dort drüben die Villa des Römertyrannen,

Ein wüster, zertrümmerter Steinkoloß,

Und hier fast wie aus deutschen Tannen

Ein hohenstaufisch Felsenschloß.


Der Schiffer wußt' uns viel zu erzählen

Vom finstern Cäsar Tiberius,

Wie er dort oben in prunkenden Sälen

Gehaust voll Angst und Überdruß;


Und wie er um die hohlen Schläfe

Beim Blitzgezuck am Meeresstrand,

Befürchtend, daß der Gott ihn träfe,

Den Lorbeer schlang mit feiger Hand.


Und weißt du, fragt' ich, nichts zu sagen

Von jenen andern Trümmern dort?

Lebt auch von ihres Herrschers Tagen

Noch ein Gedächtnis der Menschen fort?
[36]

Der Schiffer fuhr sich über die Stirne

Und sprach: Das ist ein vergessener Traum.

In meinem alten Matrosengehirne

Vergehn die Märchen wie Meeresschaum.


Er sprach's, und eine Mandoline

Erklang vom Strand – es mahnte mich,

Als käm' aus jener Burgruine

Ein klagend Echo: Friederich.


Und nicht mehr in den öden Gängen

Den finstern Römer sah ich drohn;

Ich sah bei Fest und Minnesängen

Constanza's blondgelockten Sohn.


Ich sah an des Altanes Borden

Ihn sinnend stehn, aufs Schwert gelehnt,

Im Geist bekümmert um den Norden,

Das Herz dem Süden zugesehnt.


Und als schon Nacht den Strand umwebte,

Der Mond im dunkeln Meer erblich,

In meiner Seele Tiefen bebte

Noch lang das Echo: Friederich.

Quelle:
Hermann von Lingg: Ausgewählte Gedichte, Stuttgart u. Berlin 1905, S. 36-37.
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