80. Hähnle und Hühnle.

[279] Es ist emal a Gockeler und a Henne gwä, die sind mit anander g'reist. Da sind sie an-en Grabe kommen und sind nüber g'hopst; da ist dem Gockeler 's Bäuchle ufgsprunge. Da sind sie zu em Schuhmacher gange:


Schuhmacher, gib Du mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht!


Der Schumacher sait: »hol Du mir Borst!« Da sind sie zu-ere Sau gange:


Sau, gib mir Borst!

Borst i Schuhmacher gib,[279]

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Die Sau hat gsait: »gib Du mir Milch!« Da sind sie zu-ere Kuh gange:


Kuh, gib mir Milch!

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Da hat die Kuh gsait: »gib Du mir Gras.« Da sind sie zu-ere Gräsere gange:


Gräsere, gib mir Gras!

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Die Gräsere hat gsait: »gib Du mir Weck!« Da sind sie zum Beck gange:


Beck, gib mir Weck!

Weck i Gräsere gib,

Gräsere mir Gras,

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib.

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,[280]

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Der Beck hat gsait: »gib Du mir Mehl!« Da sind sie zum Müller gange:


Müller, gib mir Mehl!

Mehl i Beck gib,

Beck mir Weck,

Weck i Gräsere gib,

Gräsere mir Gras,

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib.

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Der Müller hat gsait: »gib Du mir Frucht!« Da sind sie zum Acker gange:


Acker, gib mir Frucht!

Frucht i Müller gib,

Müller mir Mehl,

Mehl i Beck gib,

Beck mir Weck,

Weck i Gräsere gib,

Gräsere mir Gras,

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.
[281]

Der Acker hat gsait: »gib Du mir Mist!« Da sind sie zu-ere Miste gange:


Miste, gib mir Mist!

Mist i Acker gib,

Acker mir Frucht,

Frucht i Müller gib,

Müller mir Mehl,

Mehl i Beck gib,

Beck mir Weck,

Weck i Gräsere gib,

Gräsere mir Gras,

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Die Miste hat g'sait: »gib Du mir Stroh!« Da sind sie uf d' Heubühne gangen und habet Stroh 'runter gworfe und sind au mit runter gfallen, und da sind sie dod gwä.

Quelle:
Ernst Meier: Deutsche Volksmärchen aus Schwaben. Stuttgart 1852, S. 279-282.
Lizenz:

Buchempfehlung

Jean Paul

Vorschule der Ästhetik

Vorschule der Ästhetik

Jean Pauls - in der ihm eigenen Metaphorik verfasste - Poetologie widmet sich unter anderem seinen zwei Kernthemen, dem literarischen Humor und der Romantheorie. Der Autor betont den propädeutischen Charakter seines Textes, in dem er schreibt: »Wollte ich denn in der Vorschule etwas anderes sein als ein ästhetischer Vorschulmeister, welcher die Kunstjünger leidlich einübt und schulet für die eigentlichen Geschmacklehrer selber?«

418 Seiten, 19.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon