Hussens Kerker

[202] Es geht mit mir zu Ende,

Mein Sach und Spruch ist schon

Hoch über Menschenhände

Gerückt vor Gottes Thron,

Schon schwebt auf einer Wolke,

Umringt von seinem Volke,

Entgegen mir des Menschen Sohn.


Den Kerker will ich preisen,

Der Kerker, der ist gut!

Das Fensterkreuz von Eisen

Blickt auf die frische Flut,

Und zwischen seinen Stäben

Seh ich ein Segel schweben,

Darob im Blau die Firne ruht.


Wie nah die Flut ich fühle,

Als läg ich drein versenkt,

Mit wundersamer Kühle

Wird mir der Leib getränkt –

Auch seh ich eine Traube

Mit einem roten Laube,

Die tief herab ins Fenster hängt.


Es ist die Zeit zu feiern!

Es kommt die große Ruh!

Dort lenkt ein Zug von Reihern

Dem ew'gen Lenze zu,

Sie wissen Pfad und Stege,

Sie kennen ihre Wege –

Was, meine Seele, fürchtest du?


Quelle:
Conrad Ferdinand Meyer: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 2, München 1968, S. 202.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe 1892)
Gedichte.
Die schönsten Liebesgedichte (insel taschenbuch)
Ausgewählte Novellen / Gedichte (Fischer Klassik)
Gedichte: Apparat zu den Abteilungen III und IV
Gedichte: Apparat zu den Abteilungen VIII und IX. Nachträge, Verzeichnisse, Register zu den Bänden 1 bis 7