Das Reiterlein

[212] Das Bächlein nimmt nach der Loire den Gang,

An beiden Seiten

Auf und ab, die Ufer entlang

Spähn sie und reiten.

Sie sind sich so nahe! Sie sind sich so fern!

»Bon jour, meine Herrn!«

Grüßt keck eine Stimme.


Ein feurig, unbändig Reiterlein

Springt ab behende,

Setzt rechts ein Bein und links ein Bein[212]

In beide Gelände:

»Groß ist der Sonne Glut –

Liebe Herrn, meint ihr's gut,

Schafft eins zu trinken!«


Rechts kommt ein Pokal und links ein Pokal

Von verschiedener Helle,

Der: schäumender Champagnerstrahl,

Der andre: Purpurwelle –

»Katholik? Calvinist?

Hier ein Christ! Dort ein Christ!«

Er schlürft aus beiden Bechern.


»Mitstreitender Theologie

Mach ich mir nichts zu schaffen,

Den Guisen überlaß ich sie,

Den Weibern und den Pfaffen!

Pred'gerrock? Meßgewand?

Stich und Schuß! Mord und Brand!

Ins Meer geschwemmte Leichen!


Bekennt mir, Herren, frei und frank:

Wie tut ihr, wann ihr dürstet?

Ihr setzt euch rittlings auf die Bank

Und ruft nach Wein und bürstet!

Zug und Schluck! Schluck und Zug!

Noch ein Trunk! Nie genug!

Die einen wie die andern.


Genießt ihr wonn'ge Minnelust

Nach Dogmen oder Schulen?

Kost alle nicht ihr Brust an Brust

Mit euren trauten Buhlen?

Tört ihr nicht? Trügt ihr nicht?

Schwört ihr nicht? Lügt ihr nicht?

Die einen wie die andern.


Drum lassen wir auf sich bestehn

Die Lehren, die uns trennten,

Da wir erbaulich einig gehn

In allen Elementen:[213]

Erntefest! Winzertanz!

Ährenkranz! Traubenkranz!

Feldruhm und edle Waffen!«


Spricht's und es fährt ein elektrischer Schlag

Rundum und setzt alles in Flammen:

Frankreich hoch! Freudentag!

Heut wächst es zusammen!

Sie springen ins Wasser, sie waten im Fluß,

Sie spitzen die bärtigen Lippen zum Kuß,

Sie fallen sich all in die Arme.


Der Kleine drückt und küßt und herzt

Sie alle wie alte Bekannte.

»Wie aber, Herren, steht es«, scherzt

Er, »mit dem Proviante?

Alles her! Fleisch und Fisch!

Ihr seid geladen heut zu Tisch

Bei Heinrich von Navarra.«


Quelle:
Conrad Ferdinand Meyer: Sämtliche Werke in zwei Bänden. Band 2, München 1968, S. 212-214.
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