[454] Was wirst du denken, das ich dir zum dritten mahle ein deutsches Vorspiel zu lesen gebe? Was du bey dem ersten gedacht hast, mag ich nicht wissen. Was du von dem andern gehalten hast, kan ich nicht wissen, und was du von dem itzigen sagen wirst, wird die Zeit lehren. Zu dem ersten trieb mich mein Unglück, welches mich unschuldig in meinem Vaterlande betraf; das andere erforderte meine Pflicht; und zu diesem bewegt mich die Verehrung und Bewunderung der Vollkommenheit, welche Frankreich in der Schauspielkunst, von der ich lebe, vor ganz Deutschland zum voraus hat. Alhier werden die Regeln der erhabenen Trauer-Spiele und der sinnreichsten Freuden-Spiele gezeugt, gebohren, erzogen, erhalten, und die etwas zu dieser Kunst beytragen, oder sie ausüben, werden alhier grossmüthig, reichlich, rühmlich, und nützlich ernähret. Aus diesem reinen und richtig gelegtem Grunde entstehet Gelegenheit genug, dass ganz Deutschland die Werke des Verstandes damit reinigen und erhalten kan. Oefters schämet man sich, diese Wahrheit einzusehen und zuzugestehen, man kan sie aber doch unmöglich ganz unterdrücken, und noch weniger entrahten. Ich bin zwar auch eine Deutsche, und bilde mir nicht wenig darauf ein, dass ich, aller Unglücks-Fälle ungeacht, dennoch die Eigenschaft behalten habe, nach allen Pflichten der redlich Deutschen wahrhaftig deutsch zu seyn und zu bleiben; Allein ich muss doch dieser überzeugenden Wahrheit trotz meiner Einbildung geziemend weichen. Die Einwürfe, so mir in diesem Falle gemacht werden könten, haben in sich selbst die Gabe mich zu vertheidigen. Als eine Frau soll ich mich nicht hoch versteigen, also weis ich auch, dass die Absichten, welche die Schauspiele erfunden, gebessert, erleuchtet, und bis auf den heutigen Tag erhalten haben, für mich zu hoch sind, ich kan sie nicht einsehen, noch weniger beurtheilen. Diejenigen Absichten aber, welche die Schauspiele hindern, mit Fleis beflecken, verderben, und ausrotten wollen, darf ich nicht käntlich machen, weil ich wahrgenommen habe, dass es vielen Leuten ungelegen ist, dass sie meiner Vernunft, als einer Comödiantin, und zwar als einer deutschen, sollen Vernunft gelten lassen. Inmittelst wende ich mich zu denen, welche die Schauspiele reinigen, verbessern, und nützlich brauchen, oder behutsam brauchen lassen, und übergebe diejenigen, welche die Schauspiele, gute oder böse, ohne Ausnahme, ihres Vortheils wegen, schelten, hindern und verderben, auch ihrer eigenen Verantwortung. Ich weiss, dass sie als wohlgeübte Leute klug sind, und sich vor allen vernünftigen[455] Richtern geschickt zu verbergen wissen, oder wo sie ja, wieder Vermuthen überrascht werden, den Misbrauch geschwinde zum Deckmantel erwischen, und den rechten Gebrauch durchaus nicht zum Vorscheine kommen lassen, sollten sie gleich, noch über dieses, mit dem Vorwand von dem Verderbe der Zeit, selbst noch viel mehr Zeit verderben, die Schaubühne nur verächtlich, wo nicht gar strafbar zu machen. Wahr ist es, die Schaubühne hat schwere Anfechtungen, viele Thorheiten, strafbare Fehler und Mitarbeiter gehabt, insonderheit in dem lieben Deutschlande. Allein dessen ungeacht hat sie ihr selbständiges Gute nicht durch ihre Schuld, sondern blos durch den verderbten Geschmack verlohren. Sie kan nichts dafür, dass viele Leute aus Bosheit oder Unwissenheit, ihr Gutes nicht einsehen können oder wollen. Wenn ich von einer so bedenklichen Sache denken dürfte, so wäre es nicht unmöglich, dass mir diese Gedanken einfielen: Als ob man die liederlichen, schändlichen, und unerlaubten Schauspiele deswegen noch beybehielte, damit man nur etwas daran aussetzen, der Schaubühne vorrücken, und solches mit lebendigen Exempeln beweisen könte. Itzo leb ich hier. Man hat mich willig aufgenommen, und mir gnädig erlaubt, die Früchte von einer gebesserten deutschen Schaubühne öffentlich zu zeigen. Man entziehet mir auch künftig diese Gnade nicht. Man ist nicht neidisch, dass sich die arme, verachte, sonst schlechte deutsche Schaubühne nach dem regelmässigen Französischen Theater gereiniget, und so viel möglich gebessert hat. Man ist so grossmüthig, und hält mir meine Fehler zu gut. Man ist so billig und bemühet sich nicht Fehler zu erzwingen, wo keine sind. Man beklagt nicht, dass die deutschen Comödianten so viel guten Trieb und Wissenschaft besitzen, dieses schwere Werk zu unternehmen. Ja man hält sogar mir, als einer deutschen Frauen nicht vor übel, dass ich ganz allein mich zur Verbesserung der deutschen Schaubühne angetrieben, und allen Vorschub, so wohl bey Hohen als Niedrigen, Gelehrten und Ungelehrten, aufs eyfrigste dazu gesucht habe. O möchte doch Deutschland so viel Gutes für mich denken, als man mir hier zugestehet! Ich werde zwar hier ebenso wenig reich, als in Deutschland, allein ich achte mich reich genug, wenn ich den Beyfall der Vernünftigen erhalte, und nur mit Mäsigkeit ernähret werde, also kan ich auch ohne Ueberfluss dennoch nicht über Mangel klagen. Ich bin daher zufrieden, bis sich die Umstände verbessern können. Unterdessen will ich die Regeln der guten Schaubühne wohl in acht nehmen, mich in die Zeit schicken, meine Schauspiele verbessern, mein Leben ordentlich und redlich erhalten, und die Beurtheilung der verderbten Schaubühne, und derer, so darauf und daran arbeiten, wie mich selbst, Gott, der Obrigkeit, und Dir empfehlen.[456]