Eine Begegnung in Venedig

[183] An Rottmann in München.


Getreulich wahre ich im Innern

Ein heiter grünendes Erinnern

An jenen Tag voll Licht und Gluth,

Wo in der Stadt wir der Paläste,

Dem Trauerort entschwund'ner Feste,

Hinwogten auf smaragd'ner Fluth.


Wie feierlich war mir zu Muthe

Als mächtig sich mir der Salute

Harmonisch edler Bau erschloß,[184]

Vecellis strahlende Madonne

Der Schönheit Licht wie eine Sonne

In mein geblendet Auge goß!


Als, der schon in den Erdentagen

Den Himmel in der Brust getragen,

Und seine Blüthen träumend brach,

Gian Bellin, der Sanfte, Milde,

Aus seinem still durchseelten Bilde

Mit Engelslauten zu mir sprach!


Als, dem zu früher Tod die Krone

Allein entwand, Giorgione

Mit seines Geistes tiefem Brand,

Mit seiner Leidenschaft Gewalten,

Die düster schönste der Gestalten

Vor meinem trunk'nen Blicke stand!


Wie fühlt' ich meine Pulse fliegen!

Bewältigt glaubt ich zu erliegen

Von einer fremden Macht durchgraut,

Wie Einer, der zur Todesfeier,

Der Hüllen baar und baar der Schleier,

Das Angesicht der Gottheit schaut.
[185]

Ist's nicht im Lichtgebild des Schönen,

Daß sich des Staubes armen Söhnen

Der ew'ge Glanz des Himmels zeigt?

Und mußt' in seines Menschthums Schwächen

Das Herz vergehen nicht und brechen,

Zu dem die Gottheit sich geneigt? – –


Doch du, mein herrlicher Begleiter!

Du standest sinnend, ernst und heiter,

Fast wie ein Priester am Altar!

Denn Heimath war dir dieß Gebiethe,

In welchem ich nur Neophyte,

Und ungeweihter Fremdling war.


Du aber sprengtest mir die Riegel,

Du lös'test die geheimsten Siegel

Mit deines Wissens Zauberspruch.

Nicht mehr verwirrt und übermeistert,

Und d'rum nur flammender begeistert

Las ich in dem geweihten Buch!


Wie dürstend lauscht' ich deiner Worte!

Wie selig trat ich durch die Pforte

In das erschloss'ne Heiligthum![186]

Ja! ich empfing von deinem Munde,

Die freudenvolle Lebenskunde,

Der Schönheit Evangelium!


Und dieses menschlich edle Streben,

Mich bis zu ihr hinanzuheben,

Wem kam es besser als dir zu?

O wer vermöchte wohl den Laien

Zum Tempeldienst der Kunst zu weihen,

Wenn nicht ihr Auserwählter, du?!


Wir schieden. – Wolle Gott es fügen,

Daß ich auf künft'gen Wanderzügen

Einst wieder dir begegnen mag!

Er schenke meinem Geist, dem müden,

Im schönen, vielgeliebten Süden,

Einst wieder einen solchen Tag!

Quelle:
Betty Paoli: Neue Gedichte. Pest 21856, S. 183-187.
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