Zobir

[14] 1830.


Raublustig und schreckenverbreitend und arm

Geleitet Abdalla den Araberschwarm

Gen Afrika zu,

Vor Tripoli stehn die Beherzten im Nu.


Doch ehe sie stürmen um Mauer und Tor,

Erscheint mit dem Heere der hohe Gregor,

Statthalter im Glanz

Erfochtener Siege, geschickt von Byzanz.


Und während er drängt die fanatische Schar,

Ritt ihm an der Seite mit goldenem Haar,

Den Speer in der Hand,

Die liebliche Tochter im Panzergewand.


Sie hatte gewählt sich ein männliches Teil,

Sie schwenkte die Lanze, sie schoß mit dem Pfeil,

Im Schlachtengetön

Wie Pallas und doch wie Cythere so schön.


Der Vater erhub sich, und blickend umher

Befeuerte mächtig die Seinigen er:

Nicht länger gespielt,

Ihr Männer, und stets nach Abdalla gezielt!


Und wer mir das Haupt des Erschlagenen beut,

Dem geb ich die schöne Maria noch heut,

Ein köstlicher Sold,

Mit ihr unermeßliche Schätze von Gold!


Da warfen die Christen verdoppelten Schaft,

Den Gläubigen Mekkas erlahmte die Kraft,[14]

Abdalla begab

Ins Zelt sich und mied ein bereitetes Grab.


Doch stritt in dem Heere, von Eifer entfacht,

Zobir, ein gewaltiger Blitz in der Schlacht;

Fort jagt er im Zorn,

Ihm triefte der klirrende, blutige Sporn.


Er eilt zum Gebieter und spricht: Du versäumst

Abdalla, die Schlacht, wie ein Knabe? Du träumst

Im weichen Gezelt?

Und sollst dem Kalifen erobern die Welt?


Was, uns zu entnerven, ersonnen der Christ,

Ihn mög es verderben mit ähnlicher List!

Das Gleiche sogleich

Versprich es und stelle dich eben so reich!


Den Deinen verkündige folgendes Wort:

Wer immer dem feindlichen Führer sofort

Den Schädel zerhaut,

Der nehme die schöne Maria zur Braut!


Dies kündet Abdalla mit frischerem Sinn,

Die Seinen ermutiget hoher Gewinn;

Zobir dringt vor,

Sein kreisender Säbel erlegt den Gregor.


Schon birgt in die Stadt sich die christliche Schmach,

Schon folgen die Sieger und stürzen sich nach,

Schon weht von den vier

Kastellen herab des Propheten Panier.


Lang trotzte Maria dem feindlichen Troß,

Bis endlich ein Haufe sie völlig umschloß:

Von Vielen vereint

Wird vor den Zobir sie geführt und sie weint.


Und Einer beginnt im versammelten Kreis:

Wir bringen den süßen, den lieblichen Preis,

Den höchsten, um den

Mit uns du gekämpft und gesiegt, Sarazen!
[15]

Doch Jener versetzt in verächtlichem Scherz:

Wer wagt zu verführen ein männliches Herz?

Wer legt mir ein Netz?

Ich kämpfte für Gott und das hohe Gesetz!


Nicht buhl ich um christliche Frauen mit euch:

Dich aber entlaß ich, o Mädchen, entfleuch!

Was willst du von mir?

Beweine den Vater und hasse Zobir!


Quelle:
August Graf von Platen: Werke in zwei Bänden. Band 1: Lyrik. München 1982, S. 14-16.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe 1834)
Gedichte
Gedichte. Auswahl.
Wer wusste je das Leben?: Ausgewählte Gedichte
Die schönsten Liebesgedichte (insel taschenbuch)
Gedichte: Ausgabe 1834

Buchempfehlung

Gryphius, Andreas

Horribilicribrifax

Horribilicribrifax

Das 1663 erschienene Scherzspiel schildert verwickelte Liebeshändel und Verwechselungen voller Prahlerei und Feigheit um den Helden Don Horribilicribrifax von Donnerkeil auf Wüsthausen. Schließlich finden sich die Paare doch und Diener Florian freut sich: »Hochzeiten über Hochzeiten! Was werde ich Marcepan bekommen!«

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon