[72] Newlich/ eh 's noch wolte tagen/
Gieng – Cupido – aus zu jagen
Hin/ in seiner mutter wald
Außstaffieret der gestalt.
Er nam seinen liebe-bogen/
Mit der sänen auffgezogen/
Auch vergaß der bösewicht
Z' hause seinen köcher nicht/
Band denselben auff die seite/
Vnd zog aus auff frische beute/
Steckte scharffe pfeile drein/
Sehr vergifft; mit liebespein/
Sehr vergifft; mit seite-blickchen/
Sehr vergifft; mit liebes stückchen/
Vberzuckert; mit gelach/
Vberzuckert; mit gemach,
Amor fing kaum an zujagen/
Hört' er vnsern bräutgam sagen:
Worzu soll die liebes pein?
Ist 's nicht gut alleine seyn?
Worzu wil man sich betrüben
Nur mit lieb' vnd wiederlieben?
Wer da liebt/ lieb' immerhin/
Ich wil bleiben/ als ich bin.
Dis hört' – Amor – an mit schmertzen
Dachte doch in seinem hertzen:
Gilt/ es sol dein trotzer sinn
Bald' erfahren/ wer ich bin.[72]
Trat drauff vor jhn zielende mit
Seinem bogen spielende/ bald
Druckt' er loß vnd traff jhm 's hertz'/
Als er liebe hielt für schertz.
Ach du gott der süssen schmertzen/
Rieff er/ was ist das für schertzen?
Ey du machst mir 's allzubunt
Hertz' vnd seel' ist mir verwundt.
Seel' vnd hertz ist mir durch schossen/
Hertz' vnd seel' ist nu verdrossen
Seel' vnd hertze mehr zu seyn/
Hertz' vnd seele fühlet pein!
Seel' vnd hertze schmertz empfindet/
Hertz' vnd seel' ist gar entzündet/
Seel vnd hertz' in Amors hand!
Hertz' vnd seel' ist gar inn brand/
Seel' vnd hertz' ist kalt/ vnd schwitzet/
Hertz' vnd seele freurt vnd hitzet/
Seel' vnd hertz' ohn allen tand
Fühlet deinen kalten brand!
Hirsche/ werden sie geschossen/
Eh sie Dictam recht genossen/
Werden also bald gesundt/
Seyn sie noch so sehr verwundt.
Aber/ wer wil mich verbinden?
Aber wo sol ich doch finden/
Etwas/ daß ich werde heil?
Tod! ich werde dir zu theil./
Wird mir niemand hülffe geben/
Wozu sol mir denn das leben?
Amor hört – dis klagen – an/
Spricht zu jhm: Ey nu wol an/
Daß du nicht also verderbest/
Vnd in lieb' ohn hülfe sterbest/
Wil ich dir ein pflästerlein
Geben/ das recht gut wird seyn.
Diese jagt vnd dieses klagen/
Soll ich recht die warheit sagen/
Ist ein trawm/ doch fält mir ein/
Wer doch mag das pflaster seyn?
Wenn ich mich nur recht bedencke/
(Ohne schertz' vnd ohne schwencke)
Deucht mich wenns kein laster ist/
Daß die braut das pflaster ist.
Oder weil sie jhren wunden/
Noch zur zeit kein pflaster funden/
Deucht mich kan 's kein laster seyn/
Wird der bräutgam 's pflaster seyn.
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