19. De Frigeri

[60] Kenn'n ji den ollen Abraham

Ut Ribnitz woll, de süs mit Ogengläs'

Un Brillen hen nah Güstrow kamm?

Hei hadd 'ne hellisch lange Näs'

Un von Kalür blag as 'ne Träms'.

Na, de un oll Levin ut Däms –

Hei würd ok Humpel-Levin nennt –,

De hadden beid all lang sick kennt

Un wüßten vonenanner ganz genau,

Dat jeder düchtig hadd wat in de Schauh,

Dat beid' sei in de Wull rin seten

Un Moses hadden un Propheten.


Na, Levin dröp mit Abrahamen

In Güstrow mal tau Marktid ens tausamen.

Sei gahn nu in en Wirtshus 'rinner

Un reden dor von Handelssaken,[60]

Un as de gründlich sünd bespraken,

Dunn kamen s' endlich up ehr Kinner.

»Ick heww«, seggt Levin, »man das ain.«

»Gott's Wunder«, seggt nu Abraham,

»Ick hob jo aach man bloß das ain!

Geb'n wir de Kinner doch zesamm,

Laß unsre Kinner sich doch frai'n!«

Un durt nich lang', so sünd sei handelsein.

»Na gaud! Denn will'n wi doch vor allen Dingen«,

Seggt Levin nu tau Abrahamen,

»Dat negste Mal de Kinner mit uns bringen,

Wenn wi nah Güstrow wedder kamen;

Denn wenn sei beid sick sälen frigen,

Denn möten sei sick doch ok mal tau seihen krigen.«


As sei dat negste Mal nu kamen

Un sei tausam nu wedder sünd,

Fröggt Humpel-Levin Abrahamen:

»Nu? Hast de mitgebrocht dain Kind?«

»Was wüll ich nich! Was fragst du mir?

Main Kind is in de Kammer hier.

Doch, Levin, sag', wo üs denn dain?«

»Ich will's doch gleich zu holen gaihn. –

Doch hör'! Wir wüll'n en Spaß uns machen,

Wenn ich d'ran denk, muß ich schon lachen.

Rechts in de Kammer is dain Kind?

Nu wüll ich holen mains geschwind,

Das wüll'n mer links hier in de and're bringen,

Un wenn mer beid' hier hoben Platz genummen,

Hier auf den Sofa in de Stub',

Dann wüll'n mer mit de Klingel klingen,

Dann süll'n se beid' zugleich herinner kummen.«

»Ja, Levin! Ja! Das is zum Lachen.

Was werden se vor Ogen machen!

Nu sput' dich man und lof geschwind!«

Un oll Levin, de bringt sin Kind.[61]

As sei tausam nu wedder sünd

Un ehre Kinner in de Kamern neben,

Dunn setten sei sick up den Sofa dal

Un freuen sick un dauhn sick hägen,

Wat dit woll för en Spaß würd geben,

Wenn nu de Kinner hir taum irstenmal

As Brudlüd sick tau seihen kregen.

»Paß du mal aaf! Das würd e Spoß!«

»Der Infall is wohrhaftig doch karjos!«

»Ich wollt, de Memme wär' derbei.«

»Na, Levin! Wenn ich sag' nu: ains, zwai, drai!,

Denn kannst du mit de Klingel laiten,

Se wüssen, was das süll bedaiten.«

Un Abraham seggt: »Ains – zwai – drai!«

»Gott's Wunder!« röppt Levin, »ai waih!«

»Wos üs?« röppt Abraham, »wie haißt?

Bin dorüm ich her mit das Kind gereis't?«

Denn seiht, dor kümmt ut jede Kamerdör

En upgeputzten Judenjung' hervör.

Quelle:
Fritz Reuter: Gesammelte Werke und Briefe, Band 2, Rostock 1967, S. 60-62.
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