Lob des Hoflebens

[196] Himmel, dir sei Lob gesungen,

Daß ich der bin, der ich bin,

Auch annoch fein ungezwungen

Leben kan nach meinem Sinn.

Hoher Dinge Lieb und Lust

Herschen nicht in meiner Brust.

Neulich als ich angesehen

Großer Leute Stand und Pracht,

Wust ich kaum wie mir geschehen,

Denn ich hätt' es kaum gedacht,

Daß so große Schlaverei

Bei der Fürsten Höfen sei.[196]

Heißet das in Freud und Ehren

Seine Jahre bringen zu?

Gott, wie läßt man sich bethören!

Ist doch weder Rast noch Ruh'

An den Höfen, wo man sich

Plagen muß so jämmerlich.

Wann der Hofeman wil essen,

Muß er erstlich auf die Jagd,

Da der Mahlzeit wird vergessen

Und nur an das Wild gedacht.

Ach, da murren Magn und Mund,

Hungrig ist man als ein Hund.

Wann der Hofemann wil schlafen,

Muß er für der Tafel stehn;

Hat er Nötigs gleich zu schaffen,

Muß er doch nach Hofe gehn;

Bittet ihn ein Freund zu sich,

Spricht der Fürst: »Ich fodre dich.«

Wann der Hofemann wil schreiben

Was sein eignes Werk betrifft,

Ruft der Junker: »Laßt das bleiben!

Man wird heut' ein' ander Schrift

In Pokalen setzen auf.

Bruder, scher herauf und sauf!«

Ei, du feines Hofeleben!

Solt ein Mensch, der witzig ist,

Dir den höchsten Preis nicht geben,

Da du doch so jämrich bist!

Ei, daß solchem Ungemach

Edle Seelen laufen nach!

Recht das heißt zu Hofe laufen

Und zu Hof' ein Jäger sein,

Tag und Nacht zu Hofe saufen

Den geschmierten Schwefelwein;

Wachen, hoffen, höhnisch sehen,

Das heißt recht zu Hofe gehen.

O, wie selig ist zu schätzen,

Der in seinem Hüttelein[197]

Auf gut schäfrisch sich ergetzen

Und sein eigner Herr kan sein,

Essen da, was Gott beschert,

Werden nie durch Zank beschwert.

Himmel, dir sei Lob gesungen,

Daß ich der bin, der ich bin,

Auch annoch fein ungezwungen

Leben kan nach meinem Sinn.

Aller Höfe Glanz und Pracht

Sing' und sag' ich gute Nacht.

Quelle:
Johann Rist: Dichtungen, Leipzig 1885, S. 196-198.
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