Einhundertstes Kapitel.

[268] So reiche mir meine Hosen dort vom Stuhl, sagte mein Vater zu Susanna. – Sie haben keinen Augenblick zum Anziehen, Herr, rief Susanna, – das Kind ist schon so schwarz im Gesicht wie meine – Wie was? sagte mein Vater, denn wie alle Redner machte er auf Gleichnisse Jagd. – Um's Himmels willen, Herr, sagte Susanna, das Kind hat Krämpfe. – Und wo ist Mr. Yorick? – Nie da, wo er sein sollte, sagte Susanna, aber sein Vikar ist im Ankleidezimmer und hat das Kind auf dem Arm und wartet auf den Namen – und meine Frau befahl mir, Sie so schnell wie möglich zu fragen, ob Kapitän Shandy Gevatter stünde und ob man nicht nach ihm schicken solle?

Wär' es gewiß, sagte mein Vater zu sich und kraute sich in den Augenbrauen, daß das Kind stürbe, so könnte man meinem Bruder Toby wohl das Kompliment machen, und es wäre schade, einen so herrlichen Namen wie Trismegistus zu verschleudern, – aber es könnte auch wieder aufkommen.

Nein, nein, sagte mein Vater zu Susanna, ich werde aufstehen. – Dazu ist keine Zeit, rief Susanna, das Kind ist schon[268] so schwarz wie meine Schuhe. – Trismegistus, sagte mein Vater. Aber halt, Du bist ein flüchtiges Ding, Susanna, Trismegistus – wirst Du das auch so lange behalten können, bis Du über die Gallerie bist, ohne etwas davon zu vergessen? – Und ob! rief Susanna und warf die Thür laut hinter sich zu. – Ich will mich todtschießen lassen, wenn sie's behält, sagte mein Vater und sprang im Dunkeln aus dem Bett, um nach seinen Hosen zu tappen.

Susanna lief, so schnell sie konnte, über die Gallerie.

Mein Vater suchte, so schnell er konnte, nach seinen Hosen.

Susanna hatte den Vorsprung und behielt ihn. – Er soll Tris – ja, so fing's an, rief Susanna. – Es giebt keinen christlichen Taufnamen, der so anfängt, außer Tristram, sagte der Vikar. – Dann ist es Tristram-gistus, sagte Susanna.

Ohne Gistus, Du Gänschen! es ist der Name, den ich selbst trage, sagte der Vikar; damit tauchte er die Hand in das Becken und: Tristram, sprach er u.s.w. u.s.w. So ward ich Tristram getauft und muß Tristram bleiben bis an das Ende meiner Tage.

Mein Vater folgte Susanna, den Schlafrock über dem Arm, in bloßen Hosen, die in der Eile nur mit einem Knopfe zugeknöpft waren, und auch der saß nur halb im Knopfloche.

Hat sie den Namen nicht vergessen? rief mein Vater durch die halbgeöffnete Thür. – Nein, nein, sagte der Pfarrer mit einem Tone, als wisse er, worum es sich handle. – Und mit dem Kinde geht's besser, rief Susanna. – Und was macht Deine Herrin? – Wie sich's erwarten läßt, sagte Susanna. – Psch! sagte mein Vater, und zugleich schlüpfte der Hosenknopf aus dem Knopfloche, so daß man nicht wissen konnte, ob der Ausruf dem Knopfloch oder Susanna galt; – ob also Psch! ein Ausruf der Verachtung oder der Schamhaftigkeit war, blieb zweifelhaft und muß zweifelhaft bleiben, bis ich werde Zeit gefunden haben, nachfolgende drei Kapitel zu schreiben, nämlich mein Kapitel über Kammermädchen, mein Kapitel über Psch's und mein Kapitel über Knopflöcher.

Alles, was ich vor der Hand zur Aufklärung des Lesers mittheilen kann, beschränkt sich darauf, daß mein Vater, sobald[269] er Psch! gerufen, sich eiligst davon machte; mit dem Schlafrock über'm Arm und die Hosen mit der Hand haltend, kehrte er durch die Gallerie in sein Schlafzimmer zurück, – etwas langsamer, als er gekommen war.

Quelle:
Sterne [, Lawrence]: Tristram Shandy. Band 1, Leipzig, Wien [o. J.], S. 268-270.
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