Die Königstochter

[268] Des Königs von Spanien Tochter

Ein Gewerb zu lernen begann.

Sie wollte wohl lernen nähen,

Waschen und nähn fortan.


Und bei dem ersten Hemde,

Das sie sollte gewaschen han,

Den Ring von ihrer weißen Hand

Hat ins Meer sie fallen lan.


Sie war ein zartes Fräulein,

Zu weinen sie begann.

Da zog des Wegs vorüber

Ein Ritter lobesan.


»Wenn ich ihn wiederbringe,

Was gibt die Schöne dann?« –

»Einen Kuß von meinem Munde

Ich nicht versagen kann.«


Der Ritter sich entkleidet,

Er taucht ins Meer wohlan,

Und bei dem ersten Tauchen

Er nichts entdecken kann.


Und bei dem zweiten Tauchen

Da blinkt der Ring heran,

Und bei dem dritten Tauchen

Ist ertrunken der Rittersmann.


Sie war ein zartes Fräulein,

Zu weinen sie begann.

Sie ging zu ihrem Vater:

»Will kein Gewerb fortan!«
[268]

Quelle:
Ludwig Uhland: Werke. Band 1, München 1980, S. 268-269.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Gedichte (Ausgabe letzter Hand)
Gedichte und Reden