Heilige Hochzeit

[149] O schwüler Traum von Lust und Minne!

Ich wallte suchend durch das Land,

Da hat die schöne Teufelinne

Mit Schlangenblicken mich gebannt.

Ein Irrwisch, hat sie mich verblendet

Und hingeschleppt durch Nacht und Sumpf,

Bis ich verzweifelt, halb verendet

Zusammenbrach am Erlenstumpf.


Ich fühl's, mein Leben ist verloren.

Nur blinzelt noch das Augenlicht.

Auf einmal blüht aus Wolkenfloren

Der Sonne Rosenangesicht.

Und meine Seele will gesunden;

Vergessen ist der morsche Leib.

So hab ich endlich dich gefunden,

Ersehnte Braut, mein Sonnenweib!


Der Gram entflieht; ein letztes Sorgen

Umschleicht mich: daß ich wüst geträumt

Und diesen hochzeitlichen Morgen

Im Jugendwahne lang versäumt!

Doch still! Ein Trost ist mir geblieben:

Im Tod zu minnen, ward mein Loos!

Ein Augenblick, erfüllt mit Lieben,

Ist wie der Himmel tief und groß.
[149]

Komm, Sonnenmund, du Hochzeitsbecher,

Zum Abendmahle mir geweiht!

Im Kusse sterbend saugt der Zecher

Das Feuerblut der Ewigkeit.

Laß trinken, trinken deinen Gatten/

Bis ihm die Seele feierstill,

Ein Himmel ohne Wolkenschatten,

Ein Sonntag, so nicht enden will.

Quelle:
Bruno Wille: Der heilige Hain. Jena 1908, S. 149-150.
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