Zweihundertvierzehnte Geschichte

[264] geschah an einem Chossid, der hat eine Kuh, da dernährt er sich mit. Die ganze Woche ackert er mit ihr un am Schabbes ruhet er mit ihr, wie uns der Heilige, gelobt sei er, geboten hat, an Schabbes sollst du ruhen, du un dein Knecht und deine Maid un dein Viech. Nun begab es sich, daß der Chossid gar arm ward, daß er die Kuh verkaufen mußt an einen Goj (Christen). Un verkauft sie dem Goj ohne allen Mangel. Nun, der Goj, der ackert mit ihr die ganze Woch, daß er gar keinen Mangel an der Kuh sah. Wie es aber Schabbes war, da führt der Goj die Kuh auf das Feld und wollt auch mit ihr ackern. Da fiel die Kuh nieder un wollt nit ackern, denn sie war so bei dem Juden gewohnt, daß sie an Schabbes nit ackert und ruhet an Schabbes. Der Goj schlug sie gar hart, doch wollt die Kuh nit ackern un fiel nieder zu der Erden un wollt auch nit wieder aufstehn. Wie das der Goj sah, daß die Kuh einen Mangel hat, da ging er wieder zu dem Juden un sprach zu ihm: »Du hast mir die Kuh vor alle Mängel verkauft, un die Kuh will doch nit ackern. Un wenn ich sie schlag, so fallt sie zu der Erden. Derhalben gebt mir mein Geld wieder.« Un wer war nun übler dran als der Chossid, denn er hat das Geld nun verzehrt un gedacht mit sich selbert, die Kuh wird noch an Schabbes gedenken. Un fragt die Goje (Christin): »Will sie denn die ganze Woch nit ackern?« So sprach der Goj: »Sie arbeitet die ganze Woche gar wol, neiert an Schabbes will sie nit ackern.« Wie es nun Schabbes wieder sollt sein, da ging der Chossid mit dem Goj auf das Feld. Da lag die gute Kuh auf dem Feld. Un der Goj schlug sie un sie wollt nit aufstehn. Da ging der Chossid zu der Kuh un sprach zu ihr: »Kuh, da du bist bei mir gewesen, da bist du geboten gewesen, daß du an Schabbes ruhen sollst. Denn unser lieber Herr Gott hat es auch geboten. Aber derweil du nit mehr bei mir bist, un bist bei dem Goj, so is der Schabbes nit mehr für dich um zu ruhen, denn der Goj hält den Schabbes nit. Derhalben geh un acker vor dich, damit ich Fried möcht haben vor dem Goj.« Wie nun die Kuh das hört, so stund sie wieder auf un ackert wieder. Un wie nun das der Goj sah, da verwundert er sich gar sehr, un frägt den Juden, was er doch der Kuh hat eingeraunt, damit daß er ein andermal auch einleispern kann, wenn sie nit ackern will. Da sagt er ihm, was er ihr hat eingeraunt. Wie nun das der Goj hört, da hebt er an zu weinen un sprach: »Sieh, das Viech will halten den Schabbes, wie der Heilige, gelobt sei er, geboten hat. Was soll dann ein Mensch tun?« Un ging hin un bekehrte sich mit seinem ganzen Hausgesind un war ein köstlicher Jud. Mit seinem Namen heißt er Rabbi Chanine un war ein Stadt-Raw.

Quelle:
Allerlei Geschichten. Maasse-Buch, Buch der Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch nebst Volkserzählungen in jüdisch-deutscher Sprache, Nach der Ausgabe des Maasse-Buches, Amsterdam 1723, bearbeitet von Bertha Pappenheim, Frankfurt am Main: J. Kauffmann Verlag, 1929, S. 264-265.
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