Zweihundertachtzehnte Geschichte

[273] geschah an einem Menschen, der hat den Heiligen, gelobt sei er, gar oft verleugnet un lesof (zu letzt) hat er große Charote (Reue) drauf. Also bedacht er sich in sich selbert, wie werd ich können meine Awere (Sünden) büßen? Soll ich viel Tschuwe (Buße) tun mit Fasten? Das kann ich nit zukommen, denn ich bin mein Tag solches nit gewöhnt gewesen, um viel zu fasten. Also gedacht er, ich kann nix besseres tan als mekadesch haschem zu sein (Gott zu heiligen, bekennen), das is die beste Tschuwe, die ich tun kann. Da ging er in eine Stadt, da ein Hegmon (Bischof) wohnt. Un derselbige Hegmon war gar stark in seinem Glauben. Un wie nun der Mensch dort hinkam, da ging er zu dem Hegmon in sein Schloß un fragt ihn: »Was hat einer verdient, der falsche Münze macht?« Da sprach der Hegmon: »Der Mann is wert, daß man ihn soll verbrennen.« Da sprach der Jehude: »Den Lohn hab ich verdient, denn ich hab falsche Münz geschlagen.« Da setzt man ihn gleich gefangen. Zwei Tage dernach ließ ihn der Hegmon vor sich bringen, un frägt ihn, wie er solches meint, daß er auf sich selbert solche Sachen angebet. Da sprach er wider: »Das is wahr. Denn ich hab ja falsche Münz geschlagen. Der Ursach halben: ich hab an Gott den Allmächtigen geglaubt un jetzundert hab ich von ihm abgekehrt, un hab geglaubt daß nix an is.« Un da das der Hegmon hört, da tät es ihm gar weh, um daß er ihm seinen Gott verachtet. Un ließ ihn gar hart peinigen um daß er sollt wieder chauser sein (zurücknehmen). Aber der Jehude blieb gar hart drauf auf dasjenige, was er gesagt hat. Da der Hegmon solche Rede von ihm hört, da fercht er sich, vielleicht wird der Jud auf seinen Glauben noch mehr megane sein (mießmachen). So beratet er sich, daß er ihn gar bald wollt töten lassen. Un ließ machen ein eisernes Seil mit einer eisernen Kette dran, auf das freie Feld, un ließ ausschreien im ganzen Land, wer da will sehen einen Juden lebendig braten, der soll[273] sich auf den Tag verfügen auf den Ort, da wird man es sehn. Also kam in sein ganzes Land all das Volk zu einander. Un den Tag, den der Hegmon hat lassen ausrufen, also war ein Feuer angemacht um das Seil herum. Un ließ den Juden anbinden an das eiserne Seil an die Kett un ließ ihn herum laufen. Un trieb ihn so herum linsum (langsam), bis er schier gebraten war. Un das tät er darum, daß ihn die Todesangst so herab sollt tun, daß er sollt gestehen. Wie nun der Talion (Henker) sah, daß er ein böses Ende hat, ging er von ihm hinweg un wollt ihn nit Din sein, denn es tät ihm selbert bang, ein so elendes Ende. Wie nun das der Hegmon sah, daß ihn der Talion nit wollt den Din (Urteil) ausführen. Da ging er von seinem Stuhl un sprach: »Ich will ihn selbert richten, meinem Glauben zulieb.« Un trieb ihn selbert mit der Kette un mit dem Seil herum, daß ihm das Fett von seinem Leib herunter rinnt. Aber doch lobte er den Namen Gottes. Das trieb der Hegmon drei ganze Tage an, derwartend, daß er ihn wollt peinigen ehe er sturb, un er hielt ihn gar oft still, un fragt ihn, ob er will ablassen von seinem Glauben, so wollt er ihn wieder abbinden. So schrie er als nein. So trieb er ihn wieder fort. Wie er schier tot war, so sprach er wider den Hegmon: »Hör mir zu, du Bischof, eh acht Tage werden zuende sein, so will ich dich auch richten, wie du mich gerichtet hast, un das wird einem jedermann merklich sein.« Un fangt an zu schreien: Schema Jisroel Adaunei Elauhenu Adaunei echod (Höre Israel unser Herr und Gott ist einzig). Un bei echod (einzig) ging ihm die Seele aus. So verbrennt er zu Pulver. Dernach ließ der Hegmon eine gute Mahlzeit zurichten dem Landvolk un gab ihnen Wein genug zu trinken um zu stärken seinen Glauben. Un wie sie nun über dem Tisch saßen, da hebt der Hegmon an zu lachen. Da fragten ihn seine Räte: »Euere fürstliche Gnaden, warum lacht ihr?« Da sagt der Hegmon: »Soll ich nit lachen? Der närrische Jud, den ich gerichtet hab, der hat wider mich gesagt, ehe acht Tage ausgehn, so will er mich auch richten. Derhalben lach ich.« Da saß am Tisch ein Rat, der war ein Gezwerg, der sprach: »Gnädiger Fürst un Herr, wär ich da derheim gewesen, so wollt ich euch die Sach nit geraten haben.« Da frägt er warum. Da sagt das Gezwerglein: »Ich kann euch weiter nix mehr sagen.« So essen sie un trinken sie vor sich. Urblitzling hebt der Hegmon an zu schreien: »Au weh, is mir so warm.« Da trug man ihn in einen Keller, es half aber nix. Da sagt das Gezwerglein: »Der Jud hat dir die rechte Wahrheit gesagt. Denn ich will euch weisen, daß dich der Jud richtet, gleich du ihn gerichtet hast.« Also macht das Zwerglein, daß jedermann sah daß der Jud den Hegmon richtet, gleich wie er ihn gerichtet hat, un trieb ihn um die Seil herum, un daß alle Mannen scheinbarlich sahen die Rache. Indem verschwindet das Gezwerg, daß niemand wußte, wo er is hingekommen.

Quelle:
Allerlei Geschichten. Maasse-Buch, Buch der Sagen und Legenden aus Talmud und Midrasch nebst Volkserzählungen in jüdisch-deutscher Sprache, Nach der Ausgabe des Maasse-Buches, Amsterdam 1723, bearbeitet von Bertha Pappenheim, Frankfurt am Main: J. Kauffmann Verlag, 1929, S. 273-274.
Lizenz:
Kategorien: