[239] Zu den gemeinsten Leguanen und Kriechthieren überhaupt, welche die Ostküste Brasiliens, bewohnen, zählt der Kielschwanz (Tropidurus torquatus, Stellio und Oplurus torquatus, Agama tuberculata, operculata, taraguira, hispida, nigricollaris und cyclurus, Ephymotes tuberculata), Vertreter einer besonderen Sippe (Tropidurus) und mit anderen gleichwerthigen Gruppen einer Unterfamilie (Hoplurina), deren Kennzeichen folgende sind: Der Kopf ist platt gedrückt und dreikantig, seitlich nicht gefaltet, der Schwanz meist mit Stachelwirteln, der Rücken mit mehr oder weniger deutlich gekielten, in schrägen Reihen angeordneten Schuppen bekleidet und bei einzelnen Arten auch mit einem Rückenkamme verziert. Schenkelporen sind nicht vorhanden.
Der Kielschwanz oder die Lagarta, zu deutsch Eidechse, der Portugiesen, erreicht dreißig bis sechsunddreißig Centimeter an Länge, wovon drei Fünftheile auf den Schwanz zu rechnen sind und ist auf graulichem Grunde mit helleren und deutlich ausgerandeten Flecken gezeichnet, an den Halsseiten schwarz und über den Augenlidern grauschwarz gestreift. Den runden Schwanz bekleiden wirtelige, ziegelartig sich deckende Schuppen, die Obertheile rautenförmig gekielte und zugespitzte, die Untertheile solche ohne Kiele, am Rande erhöhte, den Oberkopf unregelmäßige, größere Schilder. Die Haut unter der Kehle hat eine Querfalte oder Einschnürung. Das Gebiß besteht aus fünf bis sechs gleich langen, an der Krone abgerundeten, undeutlichen, dreilappigen Vorderzähnen, zwanzig spitzigen, deutlich dreilappigen Backzähnen in jeder Oberkinnlade und vierundzwanzig in jedem Unterkiefer. Färbung und Zeichnung ändern ab. Junge Thiere sind fleckig gestreift, ältere verloschen geperlt, einzelne Stücke kaum gefleckt und fast einförmig, andere sehr bestimmt und deutlich mit hinter einander stehenden, blässeren Querlinien gebändert; der schwarze Fleck, welcher vom Nacken an die Halsseite bis gegen die Brust herabläuft und die drei schwarzen senkrecht stehenden Streifen über den Augenlidern bleiben jedoch immer sichtbar.
Der Kielschwanz lebt, nach Angabe des Prinzen von Wied, nur in trockenen, sandigen Gegenden, besonders in Steintrümmern, Steinhaufen, Felsenritzen, auf alten Mauern, Gebäuden, in den Gebäuden selbst, wo er sich in Wandlöchern oder auf den Dächern ansiedelt, theilt wohl auch in den Gebüschen und Vorhölzern mit dem Teju einerlei Aufenthalt oder begnügt sich mit einem Versteck im dürren Laube, sonnt sich auf nackten Stellen und schießt, wenn man sich ihm nähert, pfeilschnell seinem Schlupfwinkel zu. In dem Steingetrümmer, welches die Küsten- und Flußufer hier und da bedeckt, fand ihn der Prinz besonders zahlreich; er ist aber auch an anderen Orten keineswegs selten. Man bemerkt ihn regelmäßig; denn er treibt sich viel außerhalb seines Schlupfwinkels umher, sitzt mit hochausgestrecktem Halse und Kopfe, nickt wie seine altweltlichen Vertreter, läuft außerordentlich schnell und klettert an den steilsten Wänden auf und nieder. Laut Hensel findet er sich sehr häufig in der Nähe der Hauptstadt Brasiliens. Hier sieht man ihn in der nächsten Umgebung der Stadt, namentlich auf dem Wege, welcher auf den Corcovado hinaufführt. Bei der Annäherung eines Menschen ergreifen die Thiere, welche auf dem Wege sich sonnen, sogleich die Flucht und eilen mit einer unbegreiflichen Schnelligkeit an den vollkommen senkrechten Felswänden zur Seite der Straße hinauf, wenn auch immer in etwas [239] schräger Richtung. Ihre Scheu und ihre Geschicklichkeit im Klettern sind so außerordentlich, daß es sehr schwer hält, unbeschädigte Stücke zu sammeln. Da wo der Kielschwanz nicht beunruhigt wird, benimmt er sich anders, kommt dreist bis in das Gehöft hinein, beklettert Mauern und Häuser und nähert sich dem Menschen ohne alle Furcht.
»In einer verödeten Pflanzung im Sertong von Ilheos«, schließt der Prinz, »befand sich eine alte von Balken und Baumrinden erbaute Hütte, welche ausschließlich von solchen Eidechsen bewohnt wurde. Sie verursachten lautes Geräusch, wenn sie über das alte baufällige Dach der Hütte hin- und herliefen, saßen auf den verfallenen Zäunen und sonnten sich, und scheuten die Menschen, deren Anblick ihnen an dieser einsamen Stelle neu sein mußte, sehr wenig.« Bei den Brasilianern heißt diese Art »Eidechse«, weil sie weder den Kehlsack aufblasen, noch ihre Färbung verändern kann.