Alraun

[30] Alraun (Germ. M.), die Wurzel, die mit griechischem Namen Mandragoras heisst. Sie steht unter allen berühmten Wurzeln oben an, und ihr Name ohne Zweifel mit dem jener weisen Alrunen im engsten Zusammenhang. Sie wird beschrieben als menschenähnlich gestaltet, und über das Verfahren, womit man sie auszureissen hat, gilt folgende Vorschrift: Wenn ein Dieb, der noch reiner Jüngling ist, gehängt wird, und das Wasser oder den Samen fallen lässt, wächst unter dem Galgen die breitblättrige, gelbblumige A. Beim Ausgraben ächzt und schreit sie so entsetzlich, dass der Grabende davon sterben muss. Man soll also Freitags vor Sonnen-Aufgang, nachdem die Ohren mit Baumwolle oder Wachs verstopft sind, einen ganz schwarzen Hund, an dem kein weisses Härchen ist, mitnehmen, drei Kreuze über die Alraun machen und rings herum graben, dass die Wurzel nur noch an dünnen Fasern hänge. Dann werden diese mit einer Schnur an den Schwanz des Hundes gebunden, dem Hund ein Stück Brod gezeigt und eiligst weggelaufen. Der Hund, nach dem Brode gierig, folgt und zieht die Wurzel aus, fällt aber von ihrem ächzenden Wehruf getroffen todt hin. Hierauf wird die Wurzel aufgehoben, mit rothem Wein gewaschen, in weisse und rothe Seide gewickelt, in ein Kästlein gelegt, alle Freitage gebadet und alle Neumonde mit neuem weissem Hemdlein angethan. Fragt man sie nun, so offenbart sie künftige und heimliche Dinge zu Wohlfahrt und Gedeihen, macht reich, entfernt alle Feinde, bringt der Ehe Segen, und jedes über Nacht zu ihr gelegte Geldstück findet man Morgens früh verdoppelt. Stirbt ihr Besitzer, so erbt sie der jüngste Sohn, muss aber dem Vater ein Stück Brod und Geld in seinen Sarg legen. Stirbt er vor dem Vater, so geht die A. über auf den ältesten Sohn, der aber seinen jüngsten Bruder ebenso mit Brod und Geld begraben soll.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 30.
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