Tiresias

[434] Tiresias (Gr. M.). Diesen Seher lernen wir am besten aus Apollodor kennen, der die verschiedenen Sagen über ihn folgendermassen vereint: »Bei den Thebanern war ein Seher T., der Sohn des Everes und der Nymphe Chariclo, von dem Geschlechte des Udäus, des Sparten. Er war blind geworden; über dieses Gebrechen und seine Wahrsagekunst haben sich verschiedene Sagen erhalten. Einige nämlich behaupten, er sei von den Göttern geblendet worden, weil er ihre Geheimnisse an die Menschen verrieth; nach Pherecydes aber hatte ihn Athene geblendet, weil er sie, mit seiner Mutter badend, unbekleidet gesehen. Chariclo, der Athene geliebteste Freundin, bat dieselbe, sein Augenlicht wieder herzustellen; da sie diess jedoch nicht vermochte, so reinigte sie sein Gehör, so dass er die Stimmen der Vögel verstand; auch schenkte sie ihm einen schwärzlichen Stab, mit dessen Hülfe er, gleich Sehenden, wandeln konnte Hesiodus aber erzählt, T. habe bei Cyllene Schlangen einander umwinden gesehen, habe sie durch einen Schlag verwundet, und sei dadurch aus einem Manne plötzlich zum Weibe geworden. Als er diese Schlangen nach einigen Jahren abermals zusammen traf, und wieder nach ihnen schlug, ging eine neue Verwandlung mit ihm vor, er ward wieder Mann. Nun stritt einst Zeus mit Hera, ob Mann oder Weib mehr zur Freude geschaffen sei; diesen Streit konnte Niemand entscheiden, als T., der Beides gewesen war: er sagte, das Weib empfände, bei der Vereinigung mit dem Gatten, neunmal mehr. Erzürnt hierüber, blendete ihn Hera, doch Zeus schenkte ihm die Wahrsagekunst.« - T. rieth den Thebanern, sich gegen die sieben Helden tapfer zu vertheidigen, und versprach ihnen den Sieg, wenn einer der Nachkommen der Sparten sich freiwillig opfern wolle; diess that Menöceus. Als später die Epigonen anrückten, befahl T., die Stadt zu verlassen, in der nur seine Tochter Manto zurück blieb, die gefangen des Alcmäon Geliebte wurde, ihm zwei Kinder gebar, und dann dem Apollo als Antheil an der Beute geschenkt wurde. T., der von Jupiter drei bis sieben Menschenalter bekommen hatte, starb sehr alt, da er auf der Flucht aus dem Quell Tilphusa trank. Zu Theben stand sein Denkmal. Man sagte dort, Proserpina sei ihm so gewogen gewesen, dass er der Einzige unter den Schatten des Tartarus war, der seinen Verstand behalten.

Quelle:
Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Stuttgart 1874, S. 434.
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