Ander

[276] Ander. Der, die, das andere, ein Wort, welches überhaupt genommen, alsdann gebraucht wird, wenn nur von zwey Dingen die Rede ist, da es denn dem Worte ein entgegen gesetzt wird. Es bezeichnet aber Ein Ding von zweyen, entweder schlechthin, oder mit verschiedenen Nebenbegriffen, das ist, es wird so wohl als ein eigentliches Zahlwort, oder in weiterer Bedeutung auch als ein Adjectiv gebraucht.

I. In dem ersten Falle, oder als ein eigentliches Zahlwort.

1. Wenn eine gewisse Ordnung unter diesen zwey Dingen Statt findet, da es denn die Stelle der Ordnungszahl zweyte vertritt, und dem ersten entgegen gesetzet wird. Das andere Buch Samuel. Das andere Buch Mosis. Das ist schon der andere Tag, daß ich ihn nicht sehe. Das ist schon das andere Mahl, daß er mir diesen Streich spielet. Er kam zum andern Mahle zu mir. Sie soll allemahl über den andern Tag an sie schreiben, Gell. Erstlich haben sie meine Bitte anhören müssen, dieses ist eine Mühe; dann haben sie sich entschließen müssen, dieses ist die andere Mühe; ferner haben sie das Geld dafür nach Berlin geschickt, dieses ist die dritte Mühe, Gell. Das andere Geschlecht, das weibliche, im Gegensatze des männlichen, ob man gleich dieses nicht das erste zu nennen pflegt. S. Anm. 1.[276]

2. Wenn keine gewisse Ordnung unter ihnen Statt findet, sondern bloß eines von zweyen angedeutet werden soll, im Gegensatze des Wortes ein. Hier sind zwey Fremde; der eine ist ein Deutscher, der andere ein Engländer. Einem gefällt dieß, dem andern jenes. Aus einer Sprache in die andere übersetzen. Eines scheinet das andere aufzuheben. Hier muß einer nach dem andern gehen. Einer muß dem andern helfen. Eines ist so gut als das andere. Es ist einer wie der andere. Er gehet von einem zum andern. Von einem Pole zum andern.

Zuweilen, besonders in der höhern Schreibart, werden beyde Beywörter weggelassen, und um der mehrern Anschaulichkeit willen dafür das Substantiv wiederhohlet. Er häuft Verbrechen auf Verbrechen, ein Verbrechen auf das andere. Besonders mit dem Vorworte von. Eben so unglücklich wie ich, schleicht sie von Laube zu Laube, von einer Laube zur andern. Amor kann von Busen zu Busen flattern, Schleg. Die Bothschaft, die von Mund zu Munde fliegt, ebend. Wohin auch die im gemeinen Leben üblichen Ausdrücke, von Zeit zu Zeit, von Haus zu Hause gehen, von Dorf zu Dorfe betteln u.s.f. gehören.

Oft machen beyde Wörter, nachdem sie mit verschiedenen Partikeln verbunden werden, allerley adverbische Redensarten. (a) Eines in das andere, ohne Ordnung unter einander. Sie mengen eines in das andere. Damit wir nicht eines in das andere reden. (b) Eines und das andere, einiges. Wir haben ohne dieß noch eines und das andere mit einander zu reden. Ich fürchte doch, daß sie eines und das andere von ihm geschenkt bekommt. Ich glaubte, man hätte einen oder den andern Ausdruck gemißbraucht. Als daß ich ihm mit dem Fuße einen und den andern Druck gab, Gell. Nur im Plural lässet sich dieses nicht gebrauchen. Ein und andere Männer, ist daher mit Recht getadelt worden. Auch das Oberdeutsche ein so anderes kann man immer den Kanzelleyen überlassen. (c) Einer um den andern, eines um das andere, wechselsweise. Sie verrichten dieses Amt einer um den andern. Ein Jahr ums andere. (d) Eines nach dem andern, so wohl eigentlich, eines nach dem andern hohlen; als auch adverbisch, von mehrern auf einander folgenden Dingen Einer Art. Es zeigte sich eine gute Gelegenheit nach der andern. Hier erfüllet eine reitzende Aussicht nach der andern unser Auge mit der sanftesten Vorstellung. (e) Einer über den andern, mehrere von Einer Art schnell nach einander. Es kommt ein Unglück über das andere. Einen Bothen über den andern schicken. So auch, Ein Mahl über das andere, mehrmahl hinter einander. Er pochte Ein Mahl über das andere an die Thür. Ich habe ihn Ein Mahl über das andere gewarnt. (f) Einer vor dem andern, eine vor der andern, eines vor dem andern, mit Unterschied, im gemeinen Leben. Die Ducaten sind wohl wichtig, aber einer vor dem andern, einige sind doch wichtiger als andere. Hierher gehöret auch, (g) das zusammen gezogene einander. S. dasselbe besonders an seinem Orte.

II. Wird es auch als ein Adjectiv gebraucht, und da stehet es:

1. Mit dem Nebenbegriffe der Folge, so wohl der Zeit, als auch der Ordnung. Das andere Jahr, der andere Tag; wofür man doch besser sagt, das folgende Jahr, der folgende Tag. Er kam den andern Tag darauf mich zu besuchen, Gell.

2. Deutet dieses Beywort in sehr vielen Fällen bloß dasjenige an, was außer einer gewissen bestimmten Sache ist. Wenn nur mein Körper verschont bleibt, das andere quält mich nicht, Gell. Zu anderer Zeit begehet er die größten Ungerechtigkeiten. Er soll es zu anderer Zeit schon empfinden. Wir wollen ein anderes Mahl davon reden. Es gibt noch ein anderes[277] Mittel als dieses. Es ist kein anderer da, als er. Er legt alle Tage ein anderes Kleid an. Das hat mich vor andern bewogen. Er denkt an nichts anderes, als an seine Seligkeit. Unter andern pries er mir den Zuschauer an. Einen in die andere Welt schicken, ihn umbringen, seinen Tod befördern.


Dieß und viel andres mehr gab mir der Argwohn ein,

Weiße.


Besonders Personen außer uns. Des andern Fehler ausspähen. Den ehrlichen Nahmen des andern verunglimpfen. Andere nach sich beurtheilen. Ich habe es von andern gehört. Auf anderer Leute Kosten leben. Sie haben Schätze genug in anderer Leute Herzen, Gell. An anderer Leute Freude oder Betrübniß Antheil zu nehmen ist ja die natürlichste Regung, ebend. Das magst du einem andern weiß machen. In diesem Verstande stehet es auch zuweilen im Neutro. Es ist niemand anders da. So sagt schon Reinmar der Alte: anders nieman.

3. Zuweilen auch, was einer Sache entgegen gesetzt ist, oder derselben gegen über sich befindet. Die andere Seite des Tuches, einer Münze, die ungewandte Seite, im Gegensatze der rechten. Das andere Ufer, das gegenseitige.

4. Oft ist der Begriff der Verschiedenheit der herrschende, und da bedeutet es überhaupt so viel als verschieden, geändert. Es ist jetzt eine andere Welt als sonst, die Menschen sind jetzt ganz anders gesinnet. Er ist ganz anderer Meinung. Die himmlischen Körper sind von ganz anderer Art als die irdischen. In welchem Sinne besonders das Neutrum anderes, oder anders sehr gewöhnlich ist. Es ist uns ganz etwas anderes, oder etwas ganz anderes begegnet. Das ist was anders. Ein anders ist sagen, ein anders ist thun. Ein anderes ist es, einen Brief, ein anderes eine Geschichte, ein anderes für Freunde, ein anderes für jedermann schreiben. Mit dieser Sache ist es ein anderes, Less. es hat eine andere Beschaffenheit mit ihr. Hierher gehören auch die sprichwörtlichen Redensarten; Andere Zeit, andere Freunde. Ander Jahr, ander Haar. Ander Mann, ander Glück. Andere Zeiten, andere Sorgen, u.s.f.

5. In noch eingeschränkterer Bedeutung stehet es zuweilen für besser. Er ist ein ganz anderer Mensch geworden. Das war doch einmahl ein ganz anderer Brief, als der erste. Das ist ganz ein anderer Mann. Einen eines andern belehren, überzeugen.

6. Zuweilen aber auch für schlechter, und da bedienet man sich desselben im gemeinen Leben, wenn man ein unanständiges oder hartes Wort, das man in Gedanken hat, nicht gerne heraus sagen will. Er hat an mir gehandelt wie ein anderer, d.i. wie ein Schelm. Das mag ein anderer glauben. Ich hätte bald was anderes gesagt. Wenn er das wüßte, er würde dir was anders weisen.

Anm. 1. In Ansehung der Ordnungszahl ander, wenn sie dem ersten entgegen gesetzet ist, sind die Deutschen Sprachlehrer nicht einig. Einige gebrauchen sie ohne Unterschied für die Ordnungszahl zweyte; andere nur dann, wenn nur von zweyen die Rede ist, so wie das Latein. alter, und noch andere wollen sie für gar keine Ordnungszahl gelten lassen, wenigstens sie niemahls gebrauchen, wenn erste vorher gehet. Die Aussprüche der beyden letztern sind bloß willkürlich, weil sie weder durch die Abstammung noch durch den Gebrauch gerechtfertiget werden. Der Beweis, der aus dem Latein. alter geführet wird, heißt gar nichts, weil von einer Sprache nie auf die andere geschlossen werden kann.

Von der Abstammung wird in der letzten Anmerkung etwas gesagt werden; daher ich hier nur des Gebrauches gedenken will. Die Oberdeutsche Mundart, der dieses Zahlwort vorzüglich zugehöret, gebraucht es ohne Unterschied für das Zahlwort zweyte.[278] Bey dem Kero, dem ältesten Alemannischen Schriftsteller, heißt es Kap. 7. Eristo dero deoheiti stiagil sprozzo ist – – Andar dera deomuati stiagil sprozzo ist – – Dritto dero deoheiti stiagil ist; das ist: die erste Staffel der Demuth ist – – die andere Staffel der Demuth ist – – die dritte Staffel der Demuth ist. Eben derselbe übersetzt Kap. 65. die Stelle: dum sint aliqui maligno spiritu superbiae inflati, et existimantes se secundos abbates esse, durch uuannente sih andereuuesan. Und Kap. 63. andrero citi tages, die andere Stunde des Tages, im Gegensatze der erirum, der ersten. Ferner Kap. 13. Anderes tages finfto drizugosto, dritin tages fiorzugosto anderer, des andern Tages der fünfte und dreyßigste; des andern Tages der vierzigste und zweyte. Isidors Übersetzer, ein nicht viel jüngerer Schriftsteller, nennt die zweyte Person des göttlichen Wesens di anderheit. Bey dem Ottfried und Notker, heißt andera stunt und anderest, beständig zum zweyten Mahle, und der Schwabenspiegel zählet ainost, anderost, dristunt, zum ersten, zweyten, dritten Mahle; tausend anderer Beyspiele zu geschweigen. Es scheinet also, daß andere und zweyte bloß der Mundart nach verschieden sind, und daß jenes ursprünglich den Oberdeutschen, dieses aber den Niederdeutschen und Nördlichen Völkern eigen gewesen. Die Hochdeutschen, deren Mundart weiter nichts, als die durch das Sächsische gemilderte Oberdeutsche Sprache ist, haben beyde beybehalten, und gebrauchen sie ohne Unterschied, wie theils aus den oben angeführten Beyspielen erhellet, theils mit noch mehrern bewiesen werden könnte, wenn der Raum es verstattete. Da nun dem also ist, so ist nicht abzusehen, was ein Sprachlehrer für Gewalt hat, bloß um seiner Convenienz, oder um des Lateinischen alter willen, den Gebrauch eines von beyden einzuschränken.

Ich kann diese Anmerkung nicht schließen, ohne einer Eigenheit der heutigen Oberdeutschen Mundart zu gedenken, welche die drey Rollen, die dieses Wort spielet, auch durch die Aussprache und Schreibart unterscheidet. Die Ordnungszahl ander, heißt daselbst anderter, anderte, andertes, mit dem charakteristischen t, welches auch in zweyte, dritte u.s.f. angetroffen wird, und in alter etwas ähnliches hat. Das Adjectiv ander lautet wie im Hochdeutschen; das Adverbium anders aber, heißt daselbst, zum Unterschiede von dem Neutro, anderst. Ein solcher Unterschied, der in dem Übereinstimmigen Gebrauche ganzer Völkerschaften seinen Grund hat, und keine bloße Grille eines Sprachlehrers ist, verdienet Beyfall, wenn mann es gleich nicht wagen darf, denselben in andere Mundarten überzutragen.

Anm. 2. Wenn ander ein eigentliches Zahlwort ist, so hat es keinen Plural. Denn die einen und die andern, für beyde, ist ein Gallicismus. Desto häufiger ist der Plural des Beywortes. In der Declination ist dieses Wort von den übrigen Zahl- und Beywörtern nicht verschieden; nur daß die verstümmelte Form ander in der guten Schreibart nicht üblich ist. Es ist daher nicht nachzuahmen, wenn es im Gellert heißt: wenn sie kein ander Bedenken haben, so bin ich glücklich; und im Lessing: ich habe ganz ein ander Wildpret auf der Spur. Da Neutrum anders wird von einigen auch so gebraucht, als wenn es indeclinabel wäre; z.B. wir wollen von etwas anders reden, Gell. für von etwas andern. Dieß ist ohne Zweifel eine Verwechselung des Nebenwortes anders mit dem Neutro anderes, welche nicht nachzuahmen ist. Wenn auf das Adjectivum ander noch ein Adjectiv folget, so bekommt dieses im Plural kein n; andere große Männer, nicht großen. Eben dieses findet nach den ähnlichen keiner, aller, einiger, mancher, vieler und jeder Statt.

Anm. 3. Wachter leitet dieses Wort von der Partikel ant oder ent her, welche noch in vielen Zusammensetzungen vorhanden[279] ist, und einen Gegensatz bezeichnet. Ander würde also ursprünglich den Gegensatz von ein andeuten. Allein diese Ableitung setzt mehr Philosophie voraus, als man den ersten Erfindern der Sprache zutrauen kann. Mann thut daher besser, daß man seine Unwissenheit gestehet; wenn man gleich nicht in Abrede seyn kann, daß ander, alter, alius, αλλος, und vornehmlich ἑτερος viele Ähnlichkeit mit einander haben. Das Goth. anthar, Isl. annar, das Angels. othre, das Engl. other, das Dän. andar, können den Deutschen Ursprung nicht verläugnen. Ja in der Alt-Preußischen Sprache ist anters gleichfalls der zweyte.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 276-280.
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