Ansehen

[366] Ansehen, verb. irreg. act. S. Sehen, die Augen auf etwas richten, nach etwas sehen, und zwar,

1. Eigentlich. Einen ansehen. Etwas ansehen. Einen starr und steif ansehen. Einen von dem Kopfe bis auf die Füße ansehen. Einen kaum über die Achsel ansehen. Etwas von der Seite ansehen. Er sahe mich mit einem Blicke an, der den ganzen Kummer seiner Seele ausdrückte, Dusch. Er sahe dich mit unverwandten Augen an, Weiße. Daher denn auch die figürliche R.A. Etwas mit schelen Augen ansehen, oder etwas schel ansehen, neidisch darauf seyn, S. Schel.


Die Stutzer sahen ihn mit schelen Augen an,

Zach.


Etwas mit dem Rücken ansehen müssen, es verlassen müssen. Im gemeinen Leben wird dieses Verbum zuweilen auch gebraucht, den Ausdruck der Verwunderung zu begleiten. Ey sieh doch an, wie klug! Auch alsdann, wenn die Verwunderung mit Hohn oder Unwillen verknüpfet ist.


Seht doch die Verwegenheit an!

Weiße.


Der Gebrauch des Supini, anzusehen, mit Adverbiis ist im Hochdeutschen in der edeln Schreibart veraltet, und nur noch in der vertraulichen und im gemeinen Leben üblich. Das ist schön, wunderbar, abscheulich, herrlich anzusehen. Es war lustig anzusehen.

2. In engerer und zum Theil figürlicher Bedeutung, verschiedene Wirkungen des Geistes, welche durch das körperliche Ansehen veranlasset werden, auszudrucken.

1) Ansehen und sich dabey leidentlich verhalten, für zusehen, mit der vierten Endung der Sache. Das Spiel, den Tanz mit ansehen. Ingleichen figürlich, für dulden, leiden. Eine Zeit lang sahe ich es so mit an. Das kann ich nicht länger mit ansehen. Denkest du, ich werde es so mit ansehen? Ich kann es noch mit ansehen, aushalten, mich leidentlich dabey betragen.

2) Ansehen und erwägen. Man muß die Zeit, den Ort, die Person ansehen, in Betrachtung ziehen. Sieht man die Freundschaft bloß von der Seite der Natur an, so ist sie weder Tugend, noch Laster, Gell. Das Gebeth kann als ein inneres gutes Werk angesehen werden. Wo sich die folgende Bedeutung der Beurtheilung nicht selten mit einflicht.

3) Ansehen und urtheilen, dafür halten, sehr oft mit der Präposition für. Er sahe mich für seinen Bruder an. Ich sahe ihn für einen Arzt an. Sehen sie mich doch für kein Kind an. Jedermann siehet ihn für einen ehrlichen Mann an. Er ist der nicht, wofür man ihn ansiehet, wofür man ihn hält. Er möchte gar zu gern für reich angesehen seyn. Wofür siehest du mich an? Aber wissen sie denn schon, ob ich das für mein Glück halte, was sie dafür ansehen? Gell. Etwas für gut, für dienlich ansehen. Ich sahe dieses für das nützlichste, für das rathsamste an. Er siehet die Sache anders an als wir. Ich sehe sie seit einiger Zeit mit ganz andern Augen an, urtheile ganz anders davon. Jetzt siehest du die Welt mit andern Augen an, Günth. Wenn ich mich gegen ihn ansehe, mich mit ihm vergleiche.

4) Ansehen und schließen, aus der äußern Gestalt einen Schluß machen. Man siehet ihm noch keine Noth an. Er thut alles, was er mir nur an den Augen ansehen kann, in welchem Falle auch das Verbum absehen üblich ist. Man kann es ihm gleich ansehen, oder an den Augen ansehen, was er im Schilde führet.


Man sieht es seinen Kleidern an, woran es seiner Liebe fehlt,

Dusch.


Allein man sah ihr noch der Jugend Unschuld an,

Rost.


Aufrichtig zu reden, so sehe ich ihnen mehr einen Verdruß, als eine Krankheit an,

Gell.


[366] Dem sieht mans gleich an seinen Federn an,

Daß er nichts kluges singen kann,

Gell.


5) Ansehen und empfinden, mit Einfluß auf das Herz, auf den Willen ansehen. Ich sehe seine Jugend, seine Dürftigkeit an, habe Mitleiden mit derselben. Wenn ich nicht Josaphat ansähe, ich wollte dich nicht ansehen noch achten, 2. Kön. 3, 14. Er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen, Luc. 1, 18. Die Kosten nicht ansehen, dieselben nicht achten. Gott siehet das Herz und nicht die That an. Die ungewöhnlichen Redensarten, einen in Gnaden, in Barmherzigkeit ansehen, können nur in der biblischen Schreibart Nachsicht verlangen.

Besonders mit Achtung, mit Hochachtung ansehen, wohin die gleichfalls biblische Redensart gehöret, die Person ansehen, sich von der Achtung gegen eine Person in seinen Handlungen bestimmen lassen. Siehe nicht an seine Gestalt und seine große Person, 1. Sam. 16, 7. In eingeschränkterer Bedeutung, heißt, die Person ansehen, besonders in biblischen Ausdrücken, aus Achtung gegen eines Person das Recht beugen.

Üblicher ist indessen das Participium der vergangenen Zeit, angesehen, für geachtet, hoch geachtet. Ein angesehener Mann, eigentlich, den jedermann mit Hochachtung ansiehet. Er ist bey Hofe sehr wohl angesehen.

6) In noch engerer Bedeutung, mit Unwillen ansehen, bestrafen. Einen um etwas ansehen, es an ihm ahnden. Ich werde ihn um seiner Unachtsamkeit willen hart ansehen. Er wird deßwegen gewiß angesehen werden. Einen alles Ernstes ansehen, für mit allem Ernste bestrafen, ist völlig Oberdeutsch, so wie auch die Redensart, einen mit Contribution ansehen, für belegen, in der guten Schreibart wohl nicht leicht vorkommen dürfte. In dem mittlern Lateine wurde advidere gleichfalls für erinnern, ermahnen gebraucht.

7) Etwas zur Absicht haben, darauf abzielen. Hiermit ist es darauf angesehen. Worauf ist das angesehen? Es ist auf dich, auf deinen Untergang angesehen. In welcher Bedeutung man aber doch lieber das Verbum absehen brauchet.

Anm. Ich kann dir dieses Kleid nicht länger ansehen, ist nur im gemeinen Leben üblich, für, an dir sehen. Das Participium der vergangenen Zeit angesehen wird in Oberdeutschland häufig als eine Conjunction für, in Betrachtung, weil, indem, gebraucht, welcher Gebrauch aber im Hochdeutschen völlig veraltet ist. Angesehen aber, daß durch das Geheimniß dieser unerschöpften Liebe, die Demuth niemahls verworfen ist, Opitz.


Doch, angesehn das Volk noch durch dieß allzumahl

Zu keiner Buße kam, hat letztlich Gott die Schaden

Der Christen kund gemacht,

Opitz.


Eben so veraltet sind die gleichfalls Oberdeutschen Wortfügungen, es siehet mich an, als sey es nicht echt; wie es sich ansehen lässet, so ist es verdorben, für, es scheinet. Anasehan, anasiehen, war schon den ältesten Fränkischen Schriftstellern bekannt. S. auch Anschauen. Das Substantiv die Ansehung S. hernach besonders.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 366-367.
Lizenz:
Faksimiles:
366 | 367
Kategorien:
Ähnliche Einträge in anderen Lexika

Buchempfehlung

Meyer, Conrad Ferdinand

Das Leiden eines Knaben

Das Leiden eines Knaben

Julian, ein schöner Knabe ohne Geist, wird nach dem Tod seiner Mutter von seinem Vater in eine Jesuitenschule geschickt, wo er den Demütigungen des Pater Le Tellier hilflos ausgeliefert ist und schließlich an den Folgen unmäßiger Körperstrafen zugrunde geht.

48 Seiten, 3.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon