Deutsch

[1472] Deutsch, adj. et adv. den Deutschen eigen oder gemäß, aus dem Lande der Deutschen. 1. Eigentlich. Die Deutsche Tracht. Die Deutsche Sprache. Deutsche Weine, welche in Deutschland gezeuget werden. Der Deutsche Orden, S. Deutschmeister. Eine Deutsche Meile, nach welcher in Deutschland gemessen wird. Die Deutsche Freyheit, die Freyheit Deutschlandes, oder der Deutschen. Die Deutsche Treue, Deutsche Redlichkeit, welcher sich die Deutschen ehedem beflissen.


Wo Deutsche Treue sich beym Deutschen Handschlag findet,

Haged.


Ein Deutscher Michel, S. Michel. 2. In engerer Bedeutung, die Deutsche Sprache und zwar, 1) die gesammte Deutsche Sprache, ohne Rücksicht auf ihre Mundarten. Die Deutsche Bibel. Deutsche Bücher. Reden sie Deutsch, ich verstehe kein Französisch. Es klingt zu albern, wenn ich ihnen auf Deutsch sagen wollte, daß ich sie liebe, Gell. Verstehen sie denn kein Deutsch? Da es denn auch als ein Hauptwort gebraucht wird. Er spricht, er schreibt ein schlechtes Deutsch. Unser Deutsch, unsere Deutsche Sprache, nicht unser Deutsches; sagt man doch nicht das Blaue, das Schwarze, das Rothe, sondern Berliner Blau, Cöllnisches Roth, das Beinschwarz, eine gewisse körperliche Art der Farbe auszudrucken. Altes Deutsch. In dieser Gestalt eines Hauptwortes ist es indeclinabel, wie andere Adverbia, wenn sie ohne Concretion als Substantive gebraucht werden. Die kernhafte Kürze unseres Deutsch, nicht unseres Deutschen. 2) In noch engerer Bedeutung, die Hochdeutsche Mundart, welche man oft allein darunter verstehet, wenn man Ausdrücke rein Deutsch, zierlich Deutsch, und Undeutsch nennet. 3. Figürlich. 1) Deutlich, im gemeinen Leben. Ich will dirs fein Deutsch sagen. Diesem schreibt man zu dunkel, jenen gar zu Teutsch, Opitz. 2) Offenherzig, eine bekannte Eigenschaft der ehemahligen Deutschen. Ich will es dir Deutsch sagen, ohne Umschweife, offenherzig. Das ist, Deutsch zu sagen, nicht an dem. Deutsch von der Leber weg sprechen. 3) Redlich, rechtschaffen, unverstellt, nach Art der alten Deutschen, in welcher Bedeutung dieses Wort noch im Oberdeutschen sehr üblich ist. Auf guten Deutschen Glauben. In redlichem Deutschen Vertrauen. Da uns viele vornehme Stände mit Deutschen Herzen und Muth beygetreten sind. Aus wahrem Deutsch-patriotischen Eifer. Ein Deutsches, aufrichtiges, gewisses, Versprechen. Eine Deutsche, aufrichtige, genaue, Einigkeit.


Der Irrthum alter Deutscher Treu

Ist mit der alten Zeit vorbey,

Haged.


Anm. 1. Deutsch, Oberdeutsch Teutsch, Nieders. düdesk, Holl. duitsch, Schwed. tysk, Dän. tydsk, zeiget durch sein sch am Ende schon, daß es ein Beywort ist, und so viel als Deutisch bedeutet. Das Stammwort ist also Deut. Es würde eine undankbare Arbeit seyn, alle die verschiedenen und zum Theil ungereimten Ableitungen dieses Wortes anzuführen. Die vernünftigsten Wortforscher sind auf das alte Thiod, Volk, gefallen, aber ohne den wahren Sinn dieses Wortes einzusehen. Thot, Dot, ist ein altes, noch nicht ganz veraltetes Wort, welches einen Blutsfreund bedeutet, und mit dem Hebr. דרד, ein Freund, ein Geliebter, eine mehr als zufällige Verwandtschaft hat. Im Oberdeutschen bedeutet Gediet noch jetzt das Geschlecht, und Dot einen Pathen. Dot, Deut, scheinet also überhaupt einen nahen Verwandten bedeutet zu haben, und wurde nachmahls auch collective von einem Haufen solcher verwandten Personen, von einer[1472] Familie, oder einem Volke, denn die ältesten Völker waren doch eigentlich nichts als Familien, gebraucht. Die Gelegenheit, bey welcher die Deutschen diesen Nahmen bekommen, lässet sich aus der bekannten Stelle des Tacitus muthmaßen: Caeterum Germaniae vocabulum recens et nuper auditum: quoniam qui primum Rhenum transgressi Gallos expulerint, nunc Tungri, nunc Germani vocati sunt u.s.f. Aus dieser Stelle erhellet, daß dieser Nahme an dem Niederrheine entstanden ist, indem die nachmahligen Tungrer, zuerst die Deutische, d.i. die Alliirten, oder die Verbrüderten, genannt worden, weil sie sich auf das genaueste wider die Gallier vereiniget hatten. Vermuthlich bekamen sie diesen Nahmen mehr von den Galliern, als daß sie sich ihn selbst beygeleget hätten, und die Römer, denen dieser Nahme schwer auszusprechen war, übersetzten ihn, und machten Germani, d.i. Brüder, daraus. Ursprünglich führeten also nur diejenigen Völkerschaften, welche an dem Niederrheine wohneten, den Nahmen der Deutschen, und ihnen ist derselbe noch lange Zeit vorzüglich eigen geblieben, indem man noch zu Ottfrieds Zeiten unter der Deutschen Sprache vorzüglich die Niedersächsische und ihre Tochter die Fränkische verstand. Der Verfasser des alten Gedichtes von dem Kriege Carls des Großen wider die Saracenen, bey dem Schilter, unterscheidet B. 3981 die Deutschen, die er Deusen nennet, sehr genau von den Alemannen; und noch jetzt werden im Englischen unter dem Nahmen Dutch vorzüglich die Niederländer verstanden, dagegen Deutschland in eben dieser Sprache Germany heißt. Da die übrigen in Deutschland wohnenden Völker, den Nutzen solcher Verbindungen sahen, so vereinigten sie sich nach und nach gleichfalls, vornehmlich wider die Römer; und dadurch geschahe es, daß vermuthlich auch sie nachmahls Deutsche genannt wurden, bis endlich diese allgemeine Benennung, wie mehrmahls zu geschehen pflegt, von einem einzelnen Umstande zum eigenthümlichen Nahmen eines ganzen Volkes geworden. Diese Ableitung, welche von einem ungenannten Verfasser in den Hannöver. Anzeigen des Jahres 1750 vorgetragen worden, kommt so wohl mit der Sprache, als auch mit der Geschichte sehr gut überein. Wenigstens ist sie unter allen bisher versuchten die natürlichste und wahrscheinlichste. Was den Nahmen der Deuten oder Teutonen betrifft, welche anfänglich in dem heutigen Dänemark wohneten, und sich schon hundert Jahre vor Christi Geburt bekannt machten, so scheinet es, daß ihre Benennung einen ähnlichen Ursprung hat, obgleich nicht zu vermuthen ist, daß der spätere Nahme der Deutschen von ihnen entstanden sey.

Anm. 2. Eine andere Frage ist, ob dieses Wort vorn mit einem D oder mit einem T geschrieben werden müsse. Richey, Fabricius, und Gottsched haben in den neuern Zeiten eigene Schriften darüber heraus gegeben. Richey ist der einzige, der diese Frage aus dem rechten Gesichtspuncte angesehen und beantwortet hat; allein er wurde überschrien. Die Niedersachsen, bey welchen dieser Nahme entstanden ist, schreiben und sprechen düdsch, düdesk. Die Oberdeutschen, die das d in den meisten Fällen in t verändern, haben teutsch, im Schwabenspiegel tutsch, bey dem Hornegk tewtzsch, bey den Schwäbischen Dichtern tuitsch. Die Franken, deren Mundart eine Vermischung des Niederdeutschen und Alemannischen ist, wähleten ein th, das Mittel zwischen dem d und t. Die Hochdeutschen schrieben nach dem Muster der Oberdeutschen lange ein t, bis durch Luthern und andere Niedersachsen in Obersachsen das d üblicher wurde, welches sich auch daselbst erhalten hat. Das verwandte Wort Deut, Diet, Volk, wird selbst im Oberdeutschen nicht leicht mit einem T gefunden werden. Bey dem Kero lautet es Deota, im Salischen Gesetze Theada, bey dem Übersetzer Isidors Dheod, bey dem Ulphilas Thiuda,[1473] im Angels. Theod, bey dem Ottfried Thiet, Thiot, bey dem Notker Diet, im Schwed. Thiod.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 1. Leipzig 1793, S. 1472-1474.
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1472 | 1473 | 1474
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