Zeit, die

[1675] Die Zeit, plur. die -en, ein Wort, welches eigentlich einen sehr abstracten Begriff bezeichnet, daher es von jeher auch sehr schwankend gebraucht worden, und erst in den spätern Zeiten genau bestimmt werden können. Es bedeutet:

1. Im schärfsten philosophischen Verstande, die Folge der auf einander kommenden endlichen Dinge; in welchem Verstande die Zeit der Ewigkeit entgegen gesetzt wird. Vor der Schöpfung der Welt war keine Zeit, weil es daselbst keine endlichen Dinge gab, deren Folge den Begriff der Zeit ausmacht. In dieser Bedeutung ist der Plural ungewöhnlich. Die Zeit wird es lehren, die Folge der Dinge und die mit ihr kommenden Veränderungen.

2. In dem gewöhnlichen gesellschaftlichen Leben, wo eine solche scharfe Abstraction ungewöhnlich und unnöthig ist, wird dieses Wort in vielen Fällen, theils von einzelnen Theilen dieser Folge, theils von der Dauer desselben, theils aber auch von den zugleich mit erfolgenden Veränderungen gebraucht. Die vornehmsten Bedeutungen dieser Art mögen etwa folgende seyn.

(a) Ein Theil dieser Folge, so fern er durch die Beysätze näher bestimmt wird; am häufigsten ohne Plural. Ich weiß die Zeit, da er heirathen wollte. Es wird schon eine Zeit kommen, da du es bereuen wirst. Er soll es zur andern Zeit wohl empfinden. Ich muß sie auf einige Zeit, auf kurze Zeit verlassen. Vor kurzer, vor langer Zeit. Nach langer Zeit. Die vergangene, die gegenwärtige, die künftige Zeit.

(b) Ein Theil dieser Folge, so fern er zu einer Veränderung erfordert wird; ohne Plural. Du hast noch acht Tage Zeit. Lassen sie mir Zeit. Du hast noch Zeit genug dazu. Sich die gehörige Zeit zu etwas nehmen. Es ist keine Zeit zu versäumen, zu verliehren. Es gehöret viele Zeit dazu, die Sache erfordert viel Zeit. Die Zeit leidet es nicht.

(c) Ein Theil dieser Folge, so fern gewisse Veränderungen in demselben gewöhnlich sind, oder so fern er zu gewissen Veränderungen der schicklichste ist, die gewöhnliche, die gehörige, die bestimmte Zeit; auch ohne Plural. Es ist hohe Zeit, daß wir gehen, es ist die höchste Zeit. Es ist noch nicht Zeit, zu sprechen. Die Zeit ist vorbey, ist verflossen; es ist nicht mehr Zeit. Etwas außer der Zeit thun, zur Unzeit, außer der gehörigen oder schicklichen Zeit. Die rechte Zeit versäumen. Zur rechten Zeit kommen. Vor der Zeit kommen. Will er mich vor der Zeit unter die Erde bringen? vor der mir von der Natur bestimmten Zeit, Gell.

(d) Diese Folge, so fern ihre Dauer empfunden wird; auch ohne Plural. In diesem Verstande sagt man: die Zeit wird mir lang, wenn man aus Mangel der Beschäftigung diese Dauer als lange während empfindet. Zeit und Weile wird mir lang. Einem die Zeit vertreiben, verkürzen. S. Zeitvertreib.

(e) Einzelne Theile dieser Folge mit Einschluß der Veränderungen, oder der Dinge, welche auf einander folgen; bald im Singular, bald im Plural. Sich in die Zeit schicken, sich nach den Umständen bequemen. Es sind jetzt schlechte Zeiten. Die Hoffnung besserer Zeiten. Die Zeiten sind jetzt schwer, im gemeinen Leben, wenn die Erwerbung des Unterhaltes mit Schwierigkeiten verbunden ist. Er hat gute Zeit, es gehet ihm wohl. Gottesdienstliche Zeiten, Feste.[1675]

(f) Die Dauer des Tages; nur im Singular und im gemeinen Leben. Welche Zeit ist es? fragt man in manchen Gegenden, für wie viel Uhr ist es? Es ist noch früh an der Zeit, d.i. der Zeit des Tages nach. Es ist schon spät an der Zeit.

(g) Die Zeiten der Verborum, d.i. die Bestimmung der verschiedenen Arten der Zeit, in welcher das Prädicat dem Subjecte zukommt, sowohl der gegenwärtigen, als der vergangenen, und zukünftigen; Lat. Tempus.

(h) Im gemeinen Leben nennt man oft die monathliche Reinigung des andern Geschlechtes, dessen Zeit. Sie hat ihre Zeit.

(i) Endlich gehören hierher noch viele adverbische und elliptische Arten des Ausdruckes, in welchen dieses Wort bald im Singular, bald im Plural in einer der vorigen Bedeutungen gebraucht wird. Von Zeit zu Zeit, sowohl von einer Zeit zur andern; als auch für bisweilen. Nach der Zeit, nachher, hernach. Der Ort, wo er sich die Zeit her aufgehalten, diese Zeit her, seither. Zur Zeit, gegenwärtig, bis jetzt. Zur Zeit ist er noch nicht da. Zu Zeiten, im gemeinen Leben, für bisweilen.


Aus Rache fiel mir ein

Ein überflüssigs Huhn zu Zeiten abzulangen,


sagt der Fuchs beym Hagedorn. Bey Zeiten, frühe genug, zur rechten, gehörigen Zeit. Zeit genug, im gemeinen Leben, für zeitig genug, frühe genug. Du sollst es Zeit genug erfahren. Zeit meines Lebens, so lange ich bisher gelebt habe. Mittler Zeit, unter der Zeit, für indessen. Vor Zeiten, ehedem. Zu meiner Zeit, als ich noch lebte, als ich mich noch daselbst befand, u.s.f. In den zu seiner Zeit angezeigten Briefen, im vorigen, ehedem. Die Vorwürfe, welche du dir hättest ersparen können, werden dich zu ihrer Zeit peinigen, künftig einmahl. Zweifel, welche zu ihrer Zeit wieder aufleben, künftig, wenn ihre Zeit gekommen ist, wenn die Umstände sie begünstigen. Liebe Zeit! ein Ausdruck der Verwunderung, des sanften Verweises u.s.f. Aber, liebe Zeit, wer konnte das wissen?

Anm. Dieses Wort lautet von den frühesten Zeiten an im Oberdeutschen Zit, in den Slavonischen Mundarten Zhas, Czas, im Niederdeutschen Tied, im Angels. Tid, im Isländ. u.s.f. Tyd. Bey einem so hohen Alter und so sehr abstracten Begriffe muß die erste ursprüngliche Bedeutung nothwendig dunkel seyn. In den ältesten Schriftstellern kommt es mehrmahls für Stunde vor. Ja sint binoti zuelif dago ziti? hat nicht der Tag zwölf Stunden? Ottfr. Dagegen er in andern Stellen Stunta für unser Zeit gebraucht: thio iro stunta werbent, die zu ihrer Zeit gehen. Es kann seyn, daß dieses Wort zu zauen, zaudern, ziehen gehöret; es kann aber auch seyn, daß es mit aetas, Griech. ετος, Hebr. עת ,את, verwandt ist, indem der vorgesetzte Zischlaut, bey vielen Europäischen Völkern bloß zufällig ist.

Quelle:
Adelung, Grammatisch-kritisches Wörterbuch der Hochdeutschen Mundart, Band 4. Leipzig 1801, S. 1675-1676.
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