Zeit

[786] Zeit (die) ist wie der Raum (s.d.) einer der beiden metaphysischen Grundbegriffe, welche das allgemeinste Wesen aller Dinge, der gesammten sinnlichen Natur ausdrücken, deren Erklärung aber von jeher umsonst versucht worden ist. Die Zeit erscheint uns als allgemeines Verhältniß für alle wahrnehmbaren Dinge, welche darin nach und neben einander entstehen, bestehen und vergehen, und zerfällt dadurch für unsere Auffassung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, die unter sich in fortwährendem Übergange begriffen sind. Die unendliche, ununterbrochene Zeit wird für unsere Vorstellung eine ununterbrochene Folge von Dingen und Begebenheiten, in der ein jedes der Reihe nach seine bestimmte Stelle allein oder mit andern zusammen hat. Jede solche Stelle bildet einen Zeitpunkt, was zwischen zwei durch verschiedene Ereignisse getrennten Zeitpunkten liegt, einen Zeitabschnitt oder Zeitraum. Für menschliche Bedürfnisse war jedoch eine genauere Abmessung der Folge und Dauer der Dinge nöthig, daher man schon in alter Zeit sich nach Erscheinungen umsah, welche allgemein wahrnehmbar und durch regelmäßigen Fortgang und gleichförmige Wiederkehr geeignet wären, einen zuverlässigen Maßstab abzugeben. Das Durchlaufen einer bestimmten Menge von Sand durch eine kleine Öffnung (in den Sanduhren) und das Schwingen des Pendels sind solche gleichmäßige Bewegungen, geeigneter und deutlicher noch erwiesen sich aber die großen und sich beständig gleichbleibenden Bewegungen der Himmelskörper, welche zunächst mit der Erde in Verbindung stehen und daher zum Messen der Zeit gebraucht wurden. Ein solches Zeitmaß gewährt uns die tägliche Umdrehung der Erde um ihre Achse, welche seit undenklicher Zeit mit der größten Regelmäßigkeit und Gleichförmigkeit vor sich geht. Erkannt oder beobachtet wird der Zeitabschnitt, während dessen die Erde eine Umdrehung um ihre Achse vollendet, mit Hülfe der Fixsterne, welche wir bei hellem Himmel täglich in unveränderter Ordnung wahrnehmen. Wird nun ein im Mittagskreise (s.d.) aufgestelltes Fernrohr auf einen Fixstern gerichtet, indem derselbe durch den Mittagskreis geht oder culminirt (s. Culmination) und die Zeit nach einer guten Uhr angemerkt, wo das geschah, so wird man die von Stunde zu Stunde wachsende Entfernung des Sternes gegen W. vom Fernrohre beobachten. Diese Entfernung ist aber nur scheinbar, vielmehr behauptet er seinen Standpunkt am Himmel unabänderlich und der Ort der Beobachtung der Oberfläche der Erde wendet sich in Folge der Achsendrehung erst östl. von ihm ab und während der zweiten Hälfte der Umdrehung östl. zu. Sobald aber die Umdrehung vollendet ist, muß das Fernrohr wieder genau nach derselben Gegend des Himmels zeigen, wie am Anfange, und derselbe Fixstern muß vor demselben stehen oder muß sich darin zeigen, wie man sagt. Ein Blick auf die Uhr lehrt nun die Anzahl Stunden, Minuten u.s.w. kennen, welche die Erde zu einer Umdrehung um ihre Achse braucht, und ein solcher [786] Zeitraum bildet einen Tag nach Sternzeit, eine Uhr, welche während desselben 24 Stunden zeigt, ist eine Sternuhr. Ein Sternentag ist = 23 St. 56′4″, also kürzer als ein Tag nach Sonnenzeit, = 24 St. 3′56″, welcher die Zeit zwischen zwei nach einander folgenden Durchgängen der Sonne durch den Mittagskreis begreift. Diese Verschiedenheit rührt nämlich daher, daß wegen der ungleichen Bewegung der Erde (s.d.) bei ihrem Umlauf um die Sonne die letztere am Himmel scheinbar nicht feststeht, sondern täglich ungefähr einen Grad östl. fortrückt. Die Tage nach Sonnenzeit sind aber auch unter sich nicht gleich, weil der erwähnten Ungleichheit der Erdbewegung wegen auch das scheinbare Fortrücken der Sonne ein ungleiches und im Winter schneller als im Sommer ist. Man unterscheidet daher eine wahre Sonnenzeit oder den wahren Sonnentag, der zwischen den einander folgenden wirklichen Durchgängen von der Sonne durch den Mittagskreis liegt, und eine mittlere Sonnenzeit, vorzugsweise auch nur mittle Zeit genannt, nach welcher man das ganze Jahr Tage von gleicher Dauer erhält. Um zur Bestimmung derselben zu gelangen, haben sich die Astronomen eine sogenannte mittlere Sonne gedacht, welche das ganze Jahr durch täglich im gleichmäßigen Fortschreiten begriffen sei, folglich Tage von gleicher Länge erzeuge. Diese Zeit geben unsere gewöhnlichen Uhren an, daher sie auch bürgerliche Zeit heißt, die Sonnenuhren zeigen dagegen nur die wahre Sonnenzeit. Vier Mal im Jahre, ungefähr den 11. Febr., 16. Mai, 26. Juli und 1. Nov. stimmt die wahre Sonnenzeit mit der mittlern Zeit überein, außerdem werden die nach der einen und nach der andern gehenden Uhren stets von einander abweichen und der zwischen beiden bestehende Unterschied wird die Zeitgleichung genannt und kann im höchsten Fall 15 Minuten betragen. Die Berechnung der Zeitgleichung für jeden Tag lehrt die Astronomie, und man vermag dadurch stets anzugeben, was eine nach mittler Zeit gehende Uhr in dem Augenblicke zeigen soll, wo die Sonnenuhr den Mittag nach wahrer Sonnenzeit angibt, und kann daher jene danach richten. Uhren (s.d.) oder Chronometer sind daher Zeitmesser; man versteht aber unter Zeitmaß auch soviel wie Takt (s.d.) und Tempo (s.d.). Gewisse größere Zeitabschnitte oder begrenzte Zeiträume werden als Cyklus (s.d.), als Periode (s.d.) und als Zeitalter oder Weltalter (s. Welt) bezeichnet. – Unter Zeit geist wird die einer Zeit eigenthümlich angehörende, herrschende Denkungsart und Handlungsweise der Menschen genannt, also ihre geistige Stimmung und die daraus hervorgehenden, bei Betrachtung des Allgemeinen vorwaltenden Thaten. – Zeitgenossen sind gleichzeitig und ungefähr in gleichem Alter lebende und demgemäß gewissermaßen eine und dieselbe Zeit genießende Menschen. – Die Zeitordnung ist das Verhältniß der Dinge in der Zeit, insofern sie zu gleicher Zeit sind oder nach einander folgen, ohne daß man dabei weiter auf ihren ursächlichen Zusammenhang Rücksicht nimmt. Eine andere Zeitordnung ist die von unserer Bestimmung abhängige, welche die Vertheilung unserer Geschäfte in unsere Zeit betrifft und eigentlich eine Zeitanordnung ist. Indem man jene dabei in einen geregelten Gang bringt und Arbeit mit der erfoderlichen Ruhe und dem Lebensgenusse zur Erholung in einem richtigen Verhältnisse wechseln läßt, gewinnt man gleichsam Zeit, weil der mit jeder ungeregelten Lebensweise unvermeidlich verbundene unnütze Aufwand von Zeit vermieden wird. Zeitverlust ist aber ein unschätzbarer Verlust, so wenig er von Manchen in diesem Sinne betrachtet wird. Er kann sowol in allgemeiner Vergeudung der Zeit, in Müßigang als in der Versäumung des rechten Zeitpunktes für Erreichung eines gewissen Zweckes bestehen und das Sprüchwort sagt mit gutem Grunde: »Zeit verloren, Alles verloren.«

Quelle:
Brockhaus Bilder-Conversations-Lexikon, Band 4. Leipzig 1841., S. 786-787.
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