Der Bierbrauer Santerre

[50] Der Bierbrauer Santerre hat sich in der Französischen Revolution bei mehrern Gelegenheiten in Paris ausgezeichnet. Er war ein begüterter Bürger in der Vorstadt St. Antoine, und leitete die Volksbewegungen, welche während der Revolution immer ihren Ursprung von daher nahmen, weil eine Menge des niedrigsten Pöbels daselbst wohnte, der sich um einen guten Preis an die Aufwiegler und Unruhestifter verkaufte. Santerre wußte durch eine gewisse Würde in seinem [50] Betragen den Pöbel ganz nach seinem Willen zu lenken; an seiner Spitze half er die Bastille mit erobern und drang am 20. Juni 1792 ins königliche Schloß. Immer war er auf der Seite der herrschenden Parthei. Er stieg bis zu der Wurde eines Generalcommandanten der Pariser Bürgermiliz, und in der Folge erhielt er sogar ein Commando gegen die Vendeer. Nach dem Sturze des Schreckenregiments kehrte er zu seiner ehemahligen Beschäftigung, der Bierbrauerei, zurück. Uebrigens ist Santerre nicht der erste Bierbrauer, der eine wichtige politische Rolle in der Geschichte gespielt hat; Jacob dʼArtevelle spielte im vierzehnten Jahrhundert in Gent eine ähnliche, und erwarb sich ein Ansehen und eine Macht, welche vorher kaum die Grafen von Flandern besessen hatten. Er verjagte mit seinem Anhange den Grafen Ludwig, nöthigte den Adel und die Begüterten, das Land zu verlassen, nachdem er sie zuvor ihres Vermögens beraubt hatte, und beging mehrere Handlungen der willkührlichsten Tyrannei; diese Herrschaft übte er über 10 Jahr aus, worauf er endlich von seinen Gegnern in einem Volksauflauf erschlagen wurde.

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Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 5. Amsterdam 1809, S. 50-51.
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