Die Mahlerei

[23] Die Mahlerei. Bei dieser vortrefflichen Kunst, – deren Erfindung und Ausbildung sich die Griechen, jedoch mit Unrecht, zueignen, wiewohl sie bei ihnen um die Zeit Alexanders auf einen überaus hohen Grad von Vollkommenheit stieg, von welchem sie nachher herab sank, bis sie zu Ende des 15. Jahrhunderts von neuen in Italien1, vielleicht herrlicher als je, wieder aufzublühen anfing, – ziehen vorzüglich drei Gegenstände unsre Aufmerksamkeit auf sich, die allgemeinen Haupterfordernisse derselben, die Gegenstände, welche sie darstellt, und die verschiedenen Mittel, deren sie sich dazu bedient. – In Rücksicht auf den ersten Punkt ist das erste und wichtigste bei einem Gemählde die Zeichnung desselben, weil es vorzüglich die Form ist, durch welche körperliche Gegenstände auf uns wirken. [23] Hierbei kommt es erstlich und unnachlaßlich auf Richtigkeit und Wahrheit, und zweitens auf Schönheit an, deren glückliche Vereinigung das höchste ist, worauf der Künstler arbeiten kann. In zusammengesetzten Gemählden ist auch die gute Stellung und Anordnung der einzelnen Theile derselben (die Gruppirung) hierher zu rechnen. Das zweite Erforderniß eines guten Gemähldes ist ein richtiges und schönes Colorit (s. diesen Art.), welches die Täuschung vollendet, aber nur von denen für die Hauptsache gehalten werden kann, bei denen die Mahlerei mehr die Sinne als den Geist beschäftigt. – Was den zweiten Punkt, die Gegenstände, welche die Mahlerei darstellt, anbetrifft: so kann zwar überhaupt die Mahlerei die ganze sichtbare Natur darstellen; da aber eine Menge Gegenstände theils uninteressant theils sogar widrig sind, so nimmt der gute Mahler auch auf eine gute Wahl seiner Stoffe Rucksicht. Die sichtbare Natur ist indeß unermeßlich; auch fühlt sich ein Künstler mehr zu diesem, ein andrer mehr zu jenem Theil derselben hingezogen und zur Darstellung desselben fähig, den er dann studirt und hauptsächlich bearbeitet. Es giebt daher in dieser Rücksicht folgende Hauptgattungen der Mahlerei, die Landschaftsmahlerei, die Thiermahlerei, die Portraitmahlerei und die Historienmahlerei, welche letztere in die edlere und in die gemeine (zu welcher viele Niederländische Stücke gehören) einzutheilen ist. Weder das Ideal noch die Allegorie (s. diese beiden Artikel) machen eine eigne Gattung der Mahlerei aus, sondern gehören zur Historienmahlerei; und so ist es mit mehrern Arten, welche man mit Unrecht zu einer Gattung erheben würde, wie die Nachtstücke, welche theils zu den landschaftlichen theils zu den historischen Gemählden gehören, und die Blumenstücke, welche ein Zweig der erstern sind. – Ich gehe zu dem dritten Punkt, zu den Mitteln, über, deren sich die Mahlerei bei ihren Darstellungen bedient; in dieser Rücksicht giebt es folgende Hauptgattungen der Mahlerei, mit denen man sich gegenwärtig vorzüglich beschäftigt:

1. Die Oehlmahlerei, bei welcher die Farben mit Oehl (insgemein Nuß- oder Mohnöhl) vermischt [24] werden; eine Erfindung, welche van Eyk in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts wo nicht gemacht (denn man soll sich der Oehlfarben schon im 9. Jahrhunderte bedient haben) doch sehr vervollkommnet hat. Diese Mahlerei gewährt dem Künstler während seiner Arbeit wichtige Vortheile zur Vervollkommnung derselben, und erhöht den Effect des Gemähldes in einem hohen Grade, daher sie auch für die vornehmste gehalten wird. Da aber das Oehl durch die Länge der Zeit gelb wird, so verlieren alsdann die hellen Stellen; und um die Oehlgemählde vor der Anlegung des Staubes zu bewahren, muß man sie mit Eiweiß überziehen. – Vor ungefähr zehn Jahren machte in England der Quaker Joseph Booth eine Erfindung bekannt, Oehlgemählde zu copiren und auf diese Art um einen wohlfeilen Preis zu vervielfältigen, und nannte diese Kunst den Polyplasiasmus. Die Sache wird vermöge eines Instruments, Pantograph genannt, bewerkstelligt; und zuletzt wird jede Copie mit dem Pinsel aus freier Hand retouchirt und vollendet. Eine so genannte polygraphische Societät macht aus dieser Erfindung ein großes Wesen und behauptet, selbst Kenner hätten das Original von der Copie nicht unterscheiden können. Allein Georg Forster sagt wohl mit Recht über diese letzte Aeußerung, daß man nach einem solchen Ausspruch berechtigt sei, entweder den Scharfsinn dieser vermeinten Kenner oder den Werth der Originale in Zweifel zu ziehen. – Endlich hat Vincent de Montpetit eine neue Oehlmahlerei mit Wasser vermischt erfunden, welche er die Eleudorische nennt.

2. Die Mahlerei mit Wasserfarben. Diese theilt sich in drei Gattungen, je nachdem man entweder a) auf trockne Materien (als Holz, Leinwand, Papier u. s. f.) oder b) auf einen frisch angelegten noch nassen Kalkgrund mahlt (welche Art zu mahlen man die Fresco-Mahlerei nennt, über welche in einem eignen Artikel gesprochen worden ist), oder endlich c) ganz kleine Gemählde, und zwar nicht durch Striche, sondern durch Punkte (jedoch mit dem Pinsel) mit Wasserfarben darstellt, welches man Miniatur nennt (eine Mahlerei, die vorzüglich in dem mittlern Zeitalter sehr geblüht haben mag, die aber gewöhnlich mehr die Geduld und den Fleiß als das Genie des [25] Künstlers bemerken läßt). Einer der berühmtesten Miniaturmahler war Dom. Guil. Clovi im 16. Jahrhundert; unter den neuesten sind vorzuglich in Deutschland Dan Chodowiecki, H. F. Füger, And Westermann, und unter den Engländern Nixon und Shelly bekannt.

3. Die Pastellmahlerei (deren Erfindung unbekannt ist) wenn man mit trocknen, in kleine Stäbe (welche Pastells heißen und so wie die Reißkohle geführt werden) geformten Farben (gewöhnlich auf rauhes Kalbpergament, aber auch auf rauhes Papier) mahlt und bei gebrochnen Farben die Striche verschiedner Farben mit dem Finger in einander reibt. Da aber die Farben auf den Pastellgemählden nur wie Staub aufgestrichen sind, so muß man die Gemählde hinter Glas setzen und vor Erschütterungen in Acht nehmen. Doch besaß Lauriot ein Mittel, das Pastell fest zu machen; und man hat auch nachher noch ein anderes angezeigt. Die berühmtesten Pastellmahler sind La Tour, Rosalva (von dem sich eine große Sammlung Pastellgemählde in Dresden befindet), Ant Raph. Mengs (dessen von ihm selbst in seiner Jugend gemahltes Portrait ebenfalls in Dresden ist) und der Engländer Russel.

4. Die Emaille- oder Schmelzmahlerei, die dauerhafteste unter allen, deren Erfindung einem Französischen Goldschmid, Jean Tudin (i. J. 1632), zugeschrieben wird. Man überzieht eine feine Gold- oder Kupferplatte mit einem Grund von Schmelz, den man auf derselben aufließen läßt, und mahlt dann auf diesen Grund mit metallischen (mit mehr oder weniger pulverisirtem [venetianischem] Glas vermischten und mit Lavendelöhl angemachten) Farben, die leichter im Feuer fließen als der Schmelz, in welchen sie dann eingebrannt werden, indem man sie unter der Muffel (einer hohlen Kapsel) in den Schmelzofen setzt. Es ist übrigens zu bemerken, daß diese Art der Mahlerei vielen Schwierigkeiten und oft dem Verdruß mißlungener Versuche ausgesetzt ist. Unter den neuern Künstlern in Emaille sind vorzüglich Ismael Mengs, Joh. Es. Nilson (beide todt) und Jean Jac. Pasquier berühmt.

[26] (Die Emaillemahlerei ist übrigens eine Gattung der Enkaustischen Mahlerei der Alten, wenn sie nicht vielleicht dieselbe selbst ist. Ich habe der Enkaustischen Mahlerei einen eignen Artikel gewidmet, sie aber aus der gegenwärtigen Classification der Hauptgattungen der Mahlerei ausgelassen, weil sie verloren gegangen ist, und ich hier bloß die bekannten Gattungen anführe, welche noch gewöhnlich ausgeübt werden. – Aus demselben Grunde übergehe ich hier auch die Glasmahlerei, über welche sich ebenfalls ein eigner Artikel in diesem Werke befindet.)

5. Die Mosaische oder Musaische Mahlerei, welche sehr alt ist, wiewohl die antiken mosaischen Arbeiten, welche wir besitzen, den neuern nicht gleich kommen. Sie entsteht durch die Aneinandersetzung kleiner Stücke gefärbter Steine oder gefärbten Glases vermittelst eines feinen Kittes; und es ist nur eine geringe Entfernung nöthig, um auf diese Art verfertigte Werke für Arbeiten des Pinsels zu halten. Diese Mahlerei, welche über aus mühselig und daher ungemein theuer ist, wird nur in Rom (auf der Peterskirche) und zwar auf öffentliche Kosten getrieben; sie verdankt ihre Vollkommenheit dem Peter Paul von Christophoris, einem Sohn des Fabius in Rom, welcher gegen den Anfang des gegenwärtigen Jahrhunderts eine Mosaische Schule daselbst anlegte und viele große Schüler zog.


Fußnoten

1 Durch Leonardo da Vinci und Michel Angelo, auf welche etwas später Titian, Correggio und Raphael folgten.

Quelle:
Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 3. Amsterdam 1809, S. 23-27.
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