Das Asyl

[66] Das Asyl – eine Freistätte, wo Verbrecher hinfliehen können, und vor allen Angriffen gesichert sind. Bei den Alten gewährten Tempel, Götterbilder, Altäre etc. in hohem Grade eine solche Zuflucht, und es war das höchste Verbrechen, einen dahin sich Flüchtenden mit Gewalt herauszureißen. Die außerordentlichen Mißbräuche, die daraus entstanden, gaben daher bisweilen Gelegenheit, auf die Heiligkeit eines solchen Asyls nicht zu achten, wie die Lacedämonier gegen Pausanias im Tempel der Minerva thaten. Ja man pflegte wohl, bei den allzugroßen Verbrechen eines solchen Thäters, ihn entweder auszuhungern, oder Feuer um die Freistätte anzulegen, und ihn so zur Flucht zu nöthigen. Jedoch hatten nicht alle Tempel und heilige Oerter das Recht solcher [66] Freistätte, sondern nur die dazu besonders geweiht waren. Kaiser Tiberius schaffte sie beinahe ganz, den Tempel der Juno und des Aesculaps ausgenommen, ab. Man nennt nun jeden Zufluchtsort für irgend einen Bedrängten oder unschuldig Leidenden ein Asyl.

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Brockhaus Conversations-Lexikon Bd. 7. Amsterdam 1809, S. 66-67.
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