Rhapsoden, Rhapsodie

[401] Rhapsoden, Rhapsodie. Der Sänger liebt es zu wandern. Weilt doch auch die Nachtigall nur wenig Monde unter den Zweigen, wo sie geliebt und geklagt, – und ist der Sänger etwas Anderes, als ein wundersamer Gast aus fernen Landen, der, über[402] all freundlich aufgenommen, doch nirgend eine Heimath hat, als sein eigenes Herz? Darum wanderten sie alle, die Minnesänger und die Troubadours, die Minstrels und die Skalden, seit sie geschworen in der Frühlingsnacht zum freien Sängerorden. Und die Urahnen aller sind die Rhapsoden, die Barden der alten Griechen; mögen sie nun ihren Namen führen von dem Stabe, welchen sie während des Singens in der Hand hielten, oder von dem Zusammenweben mehrerer Gedichte. – Sie fanden sich bei allen Opfern und Festen ein, und waren in den Versammlungen der Bürger, wie in den Palästen der Fürsten gleich willkommen. Hier trugen sie die unsterblichen Nationalgesänge vor, die nach zwei Jahrtausenden noch unser Entzücken, unsere Bewunderung sind. – Rhapsodie nennt man jetzt eine Sammlung von Dichtungen, Darstellungen etc., die, obwohl gewissermaßen innerlich zusammenhängend, doch einzelne für sich bestehende Ganze sind.

–r.

Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 8. [o.O.] 1837, S. 401-402.
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