Susanne, die Jungfrau von Calais

[484] Susanne, die Jungfrau von Calais, auch die keusche Susanne genannt, eine moderne Jeanne d'Arc. Als nämlich im Jahre 1794 der Nationalconvent Frankreichs Söhne zur Vertheidigung des Vaterlandes aufrief, ging sie, damals 14 Jahr alt, als Tambour unter das Regiment der Freiwilligen in Pas-de-Calais, und wohnte den vorzüglichsten Kriegszügen der franz. Armee bei. In der heftigsten Liebe zu Napoleon entbrannt, folgte sie ihm überall hin, nach Spanien, zweimal nach Italien und selbst in die Sandwüsten Aegyptens. Mit heroischem Sinne widerstand sie allen Versuchungen, wies selbst die Zudringlichkeiten des General Kleber mit stolzer Würde zurück und verwundete sogar einen ihrer Kameraden, welcher wiederholt ihrer Tugend nachgestellt hatte, in einem ehrenden Zweikampfe. Nachdem sie auch in den Feldzügen in Preußen und Rußland mitten unter dem Wetterleuchten der Schlacht stets männlichsten Muth bewiesen hatte, gab sie den ersten und einzigen Beweis weiblicher Schwäche in Fontainebleau, indem sie in dem Augenblicke, wo Napoleon abfuhr, in Ohnmacht fiel. In[484] der Epoche der Hunderttage, als der Kaiser wieder sein Banner entfaltete, ergriff auch sie sogleich abermals die Waffen. In der Schlacht bei Waterloo, der letzten, in welcher sie mit kämpfte, wurde sie schwer verwundet. Am 9. März 1834 starb sie in ihrer Geburtsstadt Calais in einem Alter von 54 Jahren. »Napoleon« war das letzte Wort, welches ihren sterbenden Lippen entfloh.

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Quelle:
Damen Conversations Lexikon, Band 9. [o.O.] 1837, S. 484-485.
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