Comte, Auguste

[101] Comte, Auguste, geb. 19. Jan. 1798 in Montpellier, studierte auf dem Lyceum und der polytechnischen Schule, gab dann in Paris Privatunterricht, verkehrte 1818-22 mit Saint-Simon, von dem er zum Teil beeinflußt ist, hielt[101] seit 1825 private Vorträge über seine Philosophie, die er nach einem kurzen Aufenthalt im Irrenhaus wieder aufnahm, wurde 1833 Repetent für Mathematik und Mechanik an der Polytechnik, verlor aber diese Stelle bald und lebte als Privatmann, nachdem er (1845) die von ihm schwärmerisch verehrte Clotilde de Vaux kennen gelernt hatte, bis er 5. Sept. 1857 starb, von seinen Anhänger fast als Heiliger angesehen.

Comte ist der Begründer des neueren Relativismus und Positivismus (der Ausdruck stammt von ihm), d.h. einer metaphysikfreien, bloß auf Tatsachen der Erfahrung beruhenden, diese systematisch zusammenfassenden Philosophie. »Positiv« bedeutet hier tatsächlich, gewiß, objektiv gegeben. Die Philosophie in ihrem positiven Stadium ist »le système général des conceptions humaines«. Es gibt nämlich drei Stadien in der Entwicklung der Wissenschaft (»lois des trois états«; vgl. schon Turgot, St.-Simon), welche einen Fortschritt vom phantasiemäßigen zum wahrhaft wissenschaftlichen Denken darstellt. Das erste Stadium ist das theologische, in welchem die Naturvorgänge aus übernatürlichen (dämonischen, göttlichen) Willenskräften, also anthropomorphisch, erklärt werden. Im metaphysischen Stadium – das keineswegs noch überwunden ist –- treten au die Stelle persönlicher Faktoren unpersönliche, abstrakte, logische Wesenheiten, Prinzipien, Kräfte, Ursachen. In der dritten Periode, der positiven, wird alles Metaphysische eliminiert; man erklärt nicht durch Rückgang auf unbekannte Faktoren (Kräfte, Ursachen), sondern beschreibt die empirisch beobachtbaren Zusammenhänge und Relationen, die Koëxistenzen und Sukzessionen, regelmäßigen, gesetzmäßigen Verbindungen der Phänomene selbst, über die wir nicht hinaus können. (Das einzige Absolute ist nach C., daß es nichts Absolutes gibt.) Die »coordination des faits observés« ist Ziel der Forschung. »Tout les bons esprits reconnaissent aujourd'hui que nos études réelles sont strictement circonscrites à l'analyse des phenomènes pour découvrir leurs lois effectives, c'est-à-dire leurs relations constantes de succession ou de similitude, et ne peuvent réellement concerner leur nature intime ni leur cause ou première ou finale, ni leur mode essentiel de production« (Cours I, 5 ff., 28). Die Wissenschaft dient praktischen Zwecken; sie will den Lauf der Dinge voraussehen und so beherrschen (»voir pour prévoir«). C. betont aber dann auch die Ordnung der Tatsachen durch das Denken gemäß dem Prinzip der Denkökonomie (s. Mach), welche direkte Beobachtung erspart. Die Biologie geht vom Ganzen zu den Teilen und muß eine Einheit annehmen, zu welcher alles konvergiert, ein Ziel, dem alle Teile zustreben.

Nach dem Grade der Kompliziertheit und abnehmenden Allgemeinheit der Relationen ergibt sich eine Hierarchie der Wissenschaften, bei der jede folgende auf der vorangehenden basiert indem sie sich auf deren Gesetzmäßigkeiten stützt, zugleich aber ihre Sondergesetzlichkeiten hat, so daß sie doch nicht restlos auf ihre Grundwissenschaft zurückführbar ist. Mathematik (die sicherste Wissenschaft, weil sie es mit dem Einfachsten und Allgemeinsten zu tun hat), die Grundlage der Naturwissenschaft, ferner Astronomie, Physik, Chemie, Biologie, Soziologie sind die sechs Grundwissenschaften. Zur Biologie gehört[102] auch (als ein Teil der Physiologie) die Psychologie, die nicht »introspektiv« sein kann, weil eine innere Selbstbeobachtung unmöglich ist (1. c. I, 30 ff., III. 766 ff.). Auf der Biologie fußt die komplizierteste und wichtigste Wissenschaft, die Soziologie (Ausdruck von Comte), die zugleich Ethik und Geschichtsphilosophie ist.

Die Methode der Soziologie (oder »physique social«) muß die »positive« sein: Beobachtung, Analyse, Vergleichung, Induktion. Naturgesetze (biologisch-psychologischer Art) walten in der Gesellschaft. Die soziale Statik hat es mit den unveränderlichen Faktoren und Wechselbeziehungen der Gesellschaft zu tun, die soz. Dynamik mit deren Entwicklung, dem Fortschritt der Gesellschaften (nach dem Gesetze der »drei Stadien«). Die Gesellschaft ist ein »kollektiver Organismus«, dessen Entwicklung durch das Naturmilieu bedingt ist. Diese Entwicklung ist eine geistige, in erster Linie eine intellektuelle, so aber, daß das Gefühl im Ethischen und Religiösen zur Geltung kommt. Der Mensch ist durchaus für das Gemeinschaftsleben bestimmt, nur in diesem entfalten sich seine Fähigkeiten. Der Intellekt wird im Laufe der sozialen Entwicklung immer mehr zum Herrscher über das rein Affektive. Den intellektuellen Stadien entsprechen die sozialen der Herrschaft der Priester und Könige, der Philosophen und Juristen, der Gelehrten und Industriellen, welche letzteren in der rechten Gesellschaftsordnung zugunsten der großen Massen regieren und wirtschaften sollen. Die sozialen Neigungen bedingen den Altruismus (Ausdruck von Comte), die Quelle aller Moral. Das Sittliche ist das sozial Heilsame (Cat. posit. p. 278 ff.).

Die Humanität ist das Objekt und Ziel aller Ethik und Religion, welche (nach Comtes späterer Lehre) »Menschheitsreligion« ist, nicht einen persönlichen Gott u. dgl., sondern das »große Wesen« (grand être), die Menschheit verehrt und deren großen Repräsentanten huldigt. Der »positive Kalender« enthält die Namen der großen Menschen, denen Kultus gewidmet wird; jährlich finden 84 Feste statt usw., es gibt neun Sakramente und es herrscht eine Art Ahnenkultus, der viel Schwärmerisches enthält, wie denn auch Comte sich ganz als Priester gab und (besonders seit seiner Begegnung mit Clotilde de Vaux) zum Mystiker wurde, der von der Mutter Erde als »großem Fetisch« und von einem neuen »Fetischismus« sprach, demgemäß der in allen Dingen sich manifestierende Wille und die überall wirksame Liebe zu verehren ist. In, mancher Beziehung nahm C. Formen des Katholizismus in seine positivistische Religion hinein (Dreieinigkeit des »Großen Medium« = Raum, »Großen Fetisch« = Erde und »Großen Wesen« = Menschheit). Eine Unsterblichkeit gibt es nach C. nur als Erinnerung in den Nachkommen.

Der »Positivismus« hat in der Folge sich in Frankreich, England und Deutschland usw. verschieden entwickelt und ist von dem Positivismus im engeren Sinne wohl zu unterscheiden. Anhänger Comtes sind Laffitte, Littré u. a.; im weiteren Sinne Taine u. a. (Vgl. Ueberweg-Heinze, Grundr. d. Gesch. d. Philos. IV.)

SCHRIFTEN: Considérations philos. sur les sciences et les savants, 1825 (nebst anderen Abhandlungen in: Système de politique positive, 1851-54). – Cours de philos.[103] positive, 6 Bände, 1830-42, 5. éd. 1893-94; die letzten 3 Bände (Soziologie) auch deutsch (Hauptwerk), 1907. – Discours sur l'esprit positif, 1844, 1909. – Discours aur l'ensemble du positivisme, 1848. – Catéchisme positiviste 1852; deutsch 1891. – Synthèse subjective I (Syst. de logique positive). Lettres d'A. C. à J. St. Mill, 1877. – Vgl. J. RIG, Comtes posit. Philos., 1883-84. – H. SCHNEIDER, C.s. Einleit. in d. posit. Philos., 1880. – LITTRÉ, A. C., 1863, 3. éd. 1877. – MILL, A. C., 1865; deutsch 1874. – LÉVY-BRUHL, La philos. d'A. C., 1900; deutsch 1902. – H. WÄNTIG, A. C. u. seine Bedeut. f. d. Entwickl. d. Sozialwissensch., 1895. – MEHLIS, Die Geschichtsphil. C. s, 1909.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 101-104.
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