Oken

[513] Oken (ursprünglich Ockenfuß), Lorenz, geb. 1779 bei Offenburg (Baden), seit 1807 Prof. der Naturwissenschaften in Jena, seit 1828 in München, seit 1832 in Zürich, gest. daselbst 1851.

O. ist der bedeutendste Vertreter der Naturphilosophie aus der Schule Schellings. Trotz manches Phantastischen enthalten seine Schriften Ansätze zu späteren, noch heute gültigen Theorien. Schon in der Schrift über die Zeugung lehrt O., daß alle organischen Wesen aus »Bläschen« oder »Zellen« entstehen und bestehen. »Diese Bläschen vereinzelt und in ihrem ursprünglichen Entstehen betrachtet sind die infusoriale Masse oder der Urschleim, woraus sich alle größeren Organismen gestalten.« Die Zeugung besteht in dem Zerfallen[513] des Organismus in Zellen (»Infusorien«), welche den Leib verlassen und eine neue Hülle aufsuchen. In der Schrift über das Universum betrachtet O. die Sinnesobjekte als Verlängerungen der Sinnesorgane und die Welt als durch die Sinne verbunden, so daß Welt und Organismus einerlei sind. Das Universum erscheint sich selbst und ist insofern ein Ich.

Die ganze Philosophie ist nach O. Naturphilosophie. Diese ist die »Wissenschaft von der ewigen Verwandlung Gottes in die Welt«, von der Entstehung der Welt als Vielheit von Erscheinungen durch das Heraustreten der Idee aus sich selbst, durch ihr Realwerden. Die Naturphilosophie zeigt die Welt in ihrer Entwicklung bis herauf zum Menschen als Entfaltung und Erscheinung der »mathematischen Ideen«. Die Naturphilosophie ist demnach die »Darstellung der Erscheinungen im Bewußtsein«. Sie hat zu zeigen, »wie das Materiale und zwar nach welchen Gesetzen dasselbe entstehe«, sie hat »die ersten Entwicklungsmomente der Welt vom Nichts an darzustellen«, sie ist »Schöpfungsgeschichte«, »Genesis«. Natur und Geist gehen einander parallel; die Natur ist die Darstellung der einzelnen Tätigkeiten des Geistes, das Tierreich nichts als der »auseinandergelegte Mensch«.

Die Naturphilosophie ist nur Wissenschaft, wenn sie mathematisierbar ist. Die höchste mathematische Idee ist das Zero (Null), so daß die Mathematik: aus dem Nichts entspringt. Der erste Akt des Realwerden ist ein Entstehen von Vielem; alle Realität kann sich nur in der Vielheit offenbaren. Das Reale ist nur das zersplitterte, endlich gewordene Ideale. »Reales und Ideales sind eins und dasselbe, nur unter zweierlei Formen. Das letztere ist dasselbe unter einer unbestimmten, ewigen, einfachen Form; das Reale ist aber dasselbe, jedoch unter der Form der Vielheit.« Realwerden heißt, als Bestimmtwerden, Endlichwerden, »Extensivwerden der Idee«, so daß alles »identisch« ist. Alle Dinge sind Formen der absoluten Einheit (Monas). Diese, das Absolute, ist ewig, unterliegt keinen Zeit- und Raumbestimmungen, ist weder endlich noch unendlich, weder ruhend noch bewegt. Das Ewige ist »das Nichts der Natur«, aus dem alles Einzelne hervorgeht. Das Ewige wird real durch »Selbstentzweiung«. Das + oder – oder die Zahlen sind Akte, Realitäten. »Alles, was real, was poniert ist, was endlich ist, ist aus Zahlen geworden; oder strenger: alles Reale ist schlechterdings nichts anderes als eine Zahl.« Die Dinge sind die Zahlen selbst, nämlich die Akte des Ewigen, welches das Wesen in den Zahlen, das Reale ist, da alles Einzelne nichts für sich ist. Die Fortdauer des Seins ist ein fortdauerndes Setzen des Ewigen oder des Nichts, ein unaufhörliches Realwerden dessen, was nicht ist. Es existiert wahrhaft nur das Ewige, die einzelnen Dinge haben als solche nur eine »Trugexistenz«. Das Absolute (Ewige) muß unaufhörlich ponieren und diese Position zurücknehmen, so daß in ihm zwei Richtungen bestehen. Indem das Absolute sich setzt, erscheint es sich selbst und alles Einzelne ist nichts als eine »Selbsterscheinung«. Das Selbsterscheinen des Uraktes ist Selbstbewußtsein und das ewige Selbstbewußtsein ist Gott, mit dessen Vorstellungen die Welt entsteht als »Gottes Sprache«, als Inbegriff göttlicher Gedanken, so daß die Naturphilosophie eine »göttliche Logik« ist. Das Leben[514] Gottes besteht darin, »sich ewig selbst zu erscheinen..., ewig sich zu entzweien und doch eins zu bleiben«. Durch die »Urdreiheit« ist alles Einzelne hervorgebracht.

Die Uridee ist die Position schlechthin, der schwebende, ruhende Punkt im All, um den sich alles dreht, von dem alles ausgeht, die »Urkraft«. Sie wirkt nur durch ihr Setzen und durch dieses entsteht Sukzession. Die Zeit ist nichts als die »ewige Wiederholung des Ponierens des Ewigen«, das »Wechseln der Dinge«, eine »Aktion der Urkraft«, Gottes Denken. Die Zeit ist die »Urpolarität«, deren Resultat die »Urbewegung« ist. Aller Bewegung liegt »polare Spannung« zugrunde, eine rein mechanische Bewegung gibt es nicht. Die Welt ist »das in Bewegung übergegangene Denken Gottes«. Die Urbewegung ist nur im Kreise möglich, weil sie alles ausfüllt; sie ist Leben-Bewegung im Kreise. Ohne Leben gibt es kein Sein; das Leben ist etwas Ursprüngliches, nur das Nichts ist tot, alles ist lebendig. Die Welt erhält sich, wie ein Organismus, nur durch ihr Leben. Wahrhaft lebendig ist, was im Einzelnen das Ewige darstellt. Je mehr ein Ding von dem Mannigfaltigen des Alls in sich aufgenommen hat; desto belebter ist es, desto ähnlicher ist es dem Ewigen. Die Krone der Welt ist der Mensch, die Idee Gottes, in der sich Gott ganz zum Objekt wird; er ist »Gott vorgestellt von Gott in der Unendlichkeit der Zeit«, der »ganz erschienene Gott«. Als Urbild Gottes ist der Mensch frei, als Abbild der Welt unfrei; im Entschluß ist er frei, in der Ausführung unfrei.

Ein Naturding ist »eine sich bewegende Zahl«. Die erste Bewegung der Zahlen ist die Bewegung der Urzahl oder des Uraktes, die Ausbreitung in die Vielheit, wodurch nicht bloß ein Nacheinander, sondern auch ein Nebeneinander gesetzt ist. Die ponierte, stehengebliebene Zeit ist der Raum. Er ist die »ruhende Zeit«, die Zeit der »bewegte, aktive Raum«. Der Raum ist aus der Zeit entstanden; wie sie ist er eine »Form Gottes«. Zeit und Raum sind der erscheinende Urakt, es gibt daher keinen leeren Kaum, keine leere Zeit. Ein Raum, welcher einen ändern ausschließt, ist Materie. Der Raum selbst ist ausgedehnte oder geformte Kraft und die Materie ist nur »eine Sphäre von Zentralaktionen, die Schwere«. Alles ist als Erscheinung materiell. Die Urmaterie oder der Äther ist die unmittelbare Position Gottes, welche das ganze Universum ausfüllt, die erste Realwerdung Gottes, der »göttliche Leib«, aus dem alles entstanden ist. Er hat kein Leben, ist aber das Substrat des Lebens. Die Weltkörper sind »geronnener Äther«. Licht ist »Ätherspannung«, Wärme ist bewegter Äther. Die einzelnen Stoffe sind Ätherverdichtungen, die Materie überhaupt ist »verdichteter Äther«. Alles ist nur »erkältetes, erstarrtes Feuer« und alles wird wieder zu Feuer (vgl. Heraklit).

Ein Organismus ist ein individueller, durch sich selbst erregter und bewegter Körper, dessen Selbsterregung Leben heißt. Das Prinzip des Lebens ist der Galvanismus. Die organischen Dinge sind »sich erregende ganze Zahlen«, die unorganischen sind »Brüche«. Alles Organische ist aus Schleim (d.h. oxydiertem, gewässertem Kohlenstoff) entstanden; dieser »Urschleim« ist der Meerschleim (Urzeugung). Der Meerschleim wird noch immer durch das[515] Licht erzeugt. Die Einzelorganismen sind nur Pole des »Weltorganismus«. Der Mensch ist nicht erschaffen, sondern entwickelt werden. So wie der Menschenleib sich aus Schleimmasse gebildet hat, so muß der Menschengeist eine Gliederung der primitiven Empfindung sein. Der Mensch ist das »Allsinntier«, der universale Geist, das ganze Ebenbild der Welt. Er drückt das letzte Ziel des Willens der Natur aus: »Das Ziel der Natur ist, im Menschen wieder in sich zurückzukehren.«

SCHRIFTEN: Übersicht des Grundrisses des Systems der Naturphilosophie, 1803. – Die Zeugung, 1805. – Abriß des Systems der Biologie, 1805. – Über die Bedeutung der Schädelknochen, 1807. – Über das Universum als Fortsetzung des Sinnensystems, 1808. – Lehrbuch der Naturphilosophie, 1809-11, 3 Bde., 2. A. 1831 (1 Bd.), 3. A. 1843 (1 Bd.). – Isis 1817 ff. (Zeitschrift). – Allgemeine Naturgeschichte, 1833-41, u. a. – Vgl. ECKER, L. O., 1880. – C. GÜTTLER, L. Oken und sein Verhältnis zur modernen Entwicklungslehre, 1884. – HÜBNER, O.s Naturphilos., 1909.

Quelle:
Eisler, Rudolf: Philosophen-Lexikon. Berlin 1912, S. 513-516.
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