2. Griechen und Barbaren

[290] Der Gegensatz, durch welchen sich das griechische Bewußtsein erst vervollständigte, der Nichtgrieche, heißt Barbar. Dieser merkwürdige, vielseitige Begriff verdient eine aufmerksame Betrachtung. Wir dürfen dabei nicht ausgehen von Voraussetzungen der späteren Griechen, Dichter sowohl als Rhetoren, welche den Barbaren neben anderen Eigenschaften ganz besonders Grausamkeit, Treulosigkeit, Meineid zuschrieben, in naiver Verblendung darüber, daß sie selber es in diesen Dingen den Barbaren völlig gleich taten. Auch müssen wir absehen von einem Tatbestand, welcher seit Jahrhunderten das Urteil der Griechen noch ganz besonders färbte: daß nämlich bei ihnen der Barbar vorzugsweise als Sklave und zwar massenhaft vorhanden war; Aristoteles will schon absichtlich zwischen Beidem gar nicht mehr distinguieren, um nicht von seiner feststehenden Meinung vom Sklaventum (S. 150 f.) abgehen zu müssen88. Endlich darf der Begriff des Barbaren nicht mitbestimmt werden von der Aversion; denn diese war eine gegenseitige. Alle Völker des heiligen Rechtes verachteten alle andern Völker, und unter sich mieden die höhern Kasten, wo sie existierten, die niedern. Die Ägypter insbesondere hielten die Griechen sämtlich für unrein und gewiß nicht bloß, wie Herodot (II, 41) meint, wegen des Kuhfleischessens; die Griechen aber gaben es den Ägyptern zurück, indem sie sich schon als Weintrinker etwas anderes dünkten als diese mit ihrem Bier89. Der Grieche war im Vorteil, insofern er wenigstens keine physische Scheu und keine darauf bezüglichen Reinigkeitsgesetze gegen den Barbaren hatte und sich frei fühlte in der Beobachtung der fremden Welt90.

Nach Wegräumung dieser Vorurteile wird man inne, daß nicht einmal das Geblüt entschied, sondern daß der Unterschied im Grunde ein Kulturunterschied war und daher schon innerhalb der griechischen Nation begann. Nicht nur jene pelasgischen Reste galten als barbarisch91, sondern auch entschiedene, nur zurückgebliebene Griechenvölker, sobald sie wenig oder kein städtisches Leben, keine Agora, keine freie Gymnastik,[290] keinen Anteil an den Agonen, keine individuellen Physiognomien hatten und ihr Räuberleben fortsetzten. Man glaubte, das Hellenische habe sich erst aus dem Barbarischen wie durch eine Erhebung herausgebildet. »Manches beweist, daß die alte hellenische Lebensweise der barbarischen ähnlich gewesen«, sagt Thukydides92 bei Anlaß des Landraubes, welcher eben »die alte Weise« sei, wie sie noch bei Ozolern, Akarnanen und Aetolern sich weiter friste. Die Epiroten galten als Barbaren, obwohl bei ihnen Dodona und »das älteste Hellas« zu finden war; den ätolischen Eurytanen traute man zu, sie äßen rohes Fleisch, und ihre Sprache, obwohl gewiß eine griechische, erschien völlig unverständlich93, – von Makedonien und vollends vom thrakischen Odrysenreich nicht zu reden. Wie sich allmählich der Begriff des Hellenischen zusammenzog, ist am besten zu erläutern an den Ansichten über die Trojaner. Bei Homer waltet bekanntlich nicht der leiseste Unterschied der Sitte und Religion zwischen ihnen und den Achäern; schon auf ziemlich alten Vasenbildern tragen sie jedoch asiatische Tracht und in den Aeginetengruppen ist Paris bereits daran kenntlich; Thukydides hält sie dann entschieden für Barbaren94; Euripides insultiert sie gelegentlich als solche; Strabo will bei troischen Ortsnamen keine griechische Etymologie mehr wagen, und bei Lucian95 nennt sich Paris einen Barbaren und Fremdling in einer Zeit, da seine Kunstform bereits von der des phrygischen Atys und des Mithras nicht mehr zu unterscheiden war.

Nach außen aber fanden sich die Griechen im Gegensatz, ja nach einer berühmten Stelle des Aristoteles96 in der Mitte von zweierlei Barbaren, den mutigen und freien, aber des Denkens, der Künste, des Staatenbildens und Herrschens unfähigen Völkern des Nordens, der europäischen Seite, – und den denkenden und gebildeten, aber mutlosen und deshalb geknechteten Asiaten.

Die erstern, vor allem die große, waffendröhnende Skythenwelt lehrt uns das vierte Buch des Herodot kennen97, wo mit dem feinsten Ahnungsvermögen die Sitte solcher und ähnlicher Halbkulturvölker überhaupt in deutliche Umrisse gebracht wird. Die Skythen nahmen es (IV, 128) sehr übel, wenn man von ihrer Knechtschaft sprach, und kriegerisch daherstürmende Völker dieser Art, vollends wenn sie andere zur[291] Gefolgschaft hinreißen konnten, empfanden gewiß ein großes Hochgefühl und ein mächtiges Leben. Allein ihre Dienstbarkeit war innerlicher Art, nämlich eine rassenhafte Gebundenheit. So frei sich auch der einzelne auf seinem Sattel fühlen mag, so haben sie alle doch nur einen Gesamtwillen, ähnlich wie die Tierstaaten; in allem Tun, auch in Sitte und Religion wird ein und dasselbe Niveau (unter Umständen mit Gewalt) festgehalten, denn sobald die ganze Nation nicht mehr völlig gleichartig handelt und empfindet, ist sie schwach und vielleicht bald nichts mehr; sie hat eine richtige Ahnung, nur als Kollektivkraft etwas zu bedeuten. Daher ist Anacharsis (IV, 76), als er im Skythenland griechische Dienste der Göttermutter vollzog, von seinem Bruder, einem Skythenkönig, getötet worden, und noch zu Herodots Zeit (IV, 78 ff.) ist eine ähnliche Neigung zu hellenischer Religion und Sitte dem König Skyles ebenso übel bekommen. Wenn aber dem Geten Zamolxis bei seinem Volk die Stiftung jener merkwürdigen Jenseitsreligion (IV, 94 ff.) gelungen sein soll, so wird dies nicht geschehen sein, weil er früher Sklave und Schüler des Pythagoras gewesen wäre, wie die weisen Pontusgriechen fabelten; viel eher ist sein Name der einer einheimischen Gottheit und jener Glaube vielleicht bei den Geten uralt gewesen. – Noch in andern Dingen offenbart sich die Gleichförmigkeit des Tuns bei solchen Barbaren: während bei den Griechen die Entwicklung des Individuums an Wettkämpfen jeder Art emporwächst, fehlt diesen Völkern das Agonale; ihre Reiterspiele usw. sind Gesamtexhibitionen der Volkskraft, oder es gibt ganze Scheingefechte, auch sehr blutige, wie z.B. bei den bewaffneten Gelagen der Gallier. – Während die griechische Nation schnell und immer schneller zu leben und sich zu verändern anfängt, scheint hier ein Jahrhundert dem andern zu gleichen, wie ja auch Vergangenheit und Zukunft solche Völker wenig beschäftigen, und der Augenblick und sein Antrieb alles ist. Die höhere Stimmung des Barbaren ist der Krieg, der vielleicht in den meisten Fällen zwecklos und nur aus innerm Drang geführt wird; schon die Zahl des Volkes wird bei den Skythen des Herodot aus gesammelten Pfeilspitzen ermittelt (IV, 81); die, welche Feinde erlegt haben, feiern eine große jährliche Kommunion und zwar bezirksweise (IV, 66); bei den Sauromaten vermählt sich auch die Jungfrau erst, wenn sie einen Feind erlegt hat (IV, 117); Heiligtümer des Kriegsgottes stehen überall, und hier werden jährlich gewaltige Opfer von Tieren gebracht und auch von Kriegsgefangenen, nur daß diese nicht alle gemordet wurden, wie so oft bei den Griechen, sondern bloß der hunderste Mann (IV, 62). Mit dem Kriege hängt dann der eigentümliche Royalismus dieser Völker enge zusammen; sie werden ihres Königs als sichtbarer Gestalt der aktiven Nation erst im Kriege recht froh, und die Barbarenkönige ihrerseits[292] hatten hievon ebenfalls ein lebendiges Gefühl. König Theres von Thrakien, der Vater des Sitalkes, pflegte zu sagen: in Muße und Frieden glaube er sich von Roßknechten nicht zu unterscheiden98. Aber auch im Frieden sind Volk und König magisch verbunden; die Skythenkönige werden krank, wenn einer aus ihrem Volk den höchsten Eid – beim Herd des Königs – falsch schwört, und Herodot schildert umständlich (IV, 68 f.) das wundersame Verfahren, welches hierauf zur Ermittelung der Wahrheit eingeschlagen wird. Ein sehr starker und naiver Glaube ans Jenseits leuchtet dann hervor aus dem Mitsterben der Diener, ja ganzer großer Gefolgschaften, welche dem toten König offenbar als glänzendes Geleite in der andern Welt dienen sollen (IV, 71 f.)99; um das Königsgrab herum wird eine ganze ausgestopfte equitatio von Männern zu Roß aufgestellt. Ganz wüste Barbareien in unserm Sinne des Wortes werden nicht von den Skythen im allgemeinen, sondern von einzelnen Völkern ausgesagt, der unheimlichste Aberglaube endlich von den Neueren, deren jeder einmal im Jahr auf kurze Zeit ein Wolf wird (IV, 105). – Bei dem Reichtum und dem Geist herodoteischer Beobachtung, welche den Leser immer unzufrieden macht in Beziehung auf dasjenige, was der Mann von Halikarnaß nicht gesehen und nicht besprochen hat, ist man versucht, es zu beklagen, daß er nicht auch die damaligen Kelten und Germanen hat kennen lernen.

Die andere Art von Barbaren, von welchen die Griechen sich geschieden wissen, sind die hochzivilisierten Asiaten, deren Kultur viel älter und in Technik und altem Wissen viel vollständiger ist als die ihrige. Auch hier liegt der tiefste Unterschied darin, daß der Grieche individuell entwickelt, der Asiate gebunden ist, diesmal aber nicht durch gemeinsames Tun der Rasse, sondern künstlich durch das Kastenwesen und durch den absoluten Despotismus. Den Charakter der Ägypter kennen wir zwar nur aus der Auffassung der Griechen, aber diese möchte keine völlig ungerechte gewesen sein. Bei all den ungeheuern Leistungen, welche die Weltkultur diesem Volke verdankt, bei einem enormen Nationalstolz scheint es doch, daß der einzelne durch die Knechtschaft moralisch zu Grunde gerichtet wurde. Schon die Gebräuche und Symbole, die Frucht uralter religiöser Bangigkeit, machten das Dasein des Ägypters zu einem »harten Dienst«, dazu kam, daß das ganze übrige Leben, das gewerbliche wie das politische, lauter Müssen war. Aus den Geschichten bei Herodot tönt als allgemeine Stimmung die des verbitterten Sklaven heraus, der[293] sich durch scheußliche Nachrede über die Mächtigen schadlos hält100; das Ideal des Lebens ist die Durchtriebenheit, welche z.B. in der Sage des Rhampsinit mit so hohen Ehren davonkommt. Das unter König Asychis notwendig gewordene Gesetz vom Verpfänden der Leichen (II, 136) läßt auf eine landesübliche Trölerei schließen, welche ohne dies letzte, furchtbare Mittel gar keine Schulden mehr würde bezahlt haben. Denn der Ägypter war völlig verhärtet und sogar folterfest101; er starb eher, als daß er gestand.

Von den Reichen Babylon und Assur haben die Griechen bekanntlich auffallend wenig Notiz genommen, während aus der Kultur derselben so manches unvermerkt auf sie überging. Das nächste barbarische Volk und Reich war das der Lyder, und dieses war ihnen genau bekannt und entweder durch frühe Verwandtschaft102 oder durch teilweises Einmünden in die griechische Lebensweise und Religion eher sympathisch. Dagegen konnte das persische Reich sie nur mit Besorgnis und Widerwillen erfüllen: eine schon ganz späte Staatsbildung, welche eine Schar von Völkern, die einst selbständig und dann von Assur oder nachher von Medien unterworfen worden waren, noch einmal unterwarf; mit einer Dynastie, welche außer Kyros und Darius Hystaspis keinen bedeutenden Regenten mehr, wohl aber wüste Sultane und einen gefährlichen Verräter (den jüngern Kyros) lieferte, zwischen alle Eroberungen hinein beständig beschäftigt mit Neuunterwerfung abgefallener Außenlande, deren Habe und Heiligtümer man verletzt hatte. Im offenen und ruhmvollen Kampfe mit diesem Persien wurden sich hierauf die Griechen erst recht des Gegensatzes zu denA14 Barbaren bewußt; um so tiefer war dann auch die Schmach, als seit dem peloponnesischen Kriege der Perserkönig seine Hände wieder in den griechischen Sachen haben durfte, vollends jener Artaxerxes Mnemon, an dessen Hof es so greulich zuging103. Aber viele Griechen hatten inzwischen auch die tiefe Schwäche dieses Reichskolosses kennen gelernt und auch die des herrschenden Volkes; Xenophon in dem wichtigen Schlußkapitel der Kyropädie zeigt, wie hier Schein und Sein in Widerspruch geraten, wie die alten Lebensformen äußerlich beibehalten, von innen völlig ausgehöhlt waren. Das Pathos und Zeremoniell, womit der von Ormuzd geliebte Großkönig sich umgab, konnte u.a. nicht mehr über die Tatsache täuschen, daß dessen Sicherheit schon wesentlich von griechischen Söldnern abhing. Und diese allein waren dann, als Alexander erschien,[294] die wahrhaft gefährlichen Gegner, die ganze übrige Verteidigung war müde und willenlos und die oberste Leitung derselben sichtbarlich kopflos, sonst hätte man nicht nach Issos dem Makedonier die lange freie Zeit zur Belagerung von Tyrus und zum Zug nach Ägypten gelassen; wo sich Städte verzweifelt gegen ihn wehren, ist es nicht das Heer des Königs, sondern lokaler Widerstand. Nach Arbela gab es keine persische Regierung mehr, sowie aber Alexander es mit Turan zu tun hat, findet erkräftige Naturbarbaren vor, sogenannte Skythen, welche über den Jaxartes ihre Pfeile gegen ihn senden und ihm sagen lassen, er wage sich wohl nicht über den Fluß, weil er inne geworden, was für ein Unterschied sei zwischen ihnen und Asiaten104. Wenn dann noch die östlichen Satrapien Widerstand leisteten, so geschah dies nicht mehr um des persischen Reiches willen, sondern weil es stolze Völker waren, wie z.B. die Baktrier, welche sich auch Persien nur freiwillig angeschlossen hatten.


Gegenüber von Skythen wie von Asiaten ist der Grieche, wie gesagt, individuell, losgesprochen von allem Tun der Rassen und Kasten, mit Seinesgleichen in beständigem Wettstreit oder »Agon«, von den festlichen Wettkämpfen bis zur Geltung in der Polis, vom Ringplatze von Olympia bis auf die Agoren und in die Stoen der Vaterstadt und bis zum Kampf um die Überlegenheit im Gesang und in der bildenden KunstA15. Und wo es nicht im Ernst geschieht, da geschieht es im täglichen Scherz und Spott, in beständiger Kritik des Nebenmenschen; unablässig weidet sich der griechische Witz an dem Kontrast zwischen den Dingen, wie sie sind und wie sie sein sollten oder möchten. Der Orient ist nicht agonal, schon weil das Kastenwesen den Wettstreit nicht duldet, und die Griechen ihrerseits litten nicht einmal einen Barbaren in ihren Kampfspielen, so daß selbst der ältere König Alexander von Makedonien, der »Griechenfreundliche«, sich in Olympia erst als Temenide und also griechischen Ursprungs ausweisen mußte105. Ferner ist der Orient serios wie die Tiere und lacht nicht, außer etwa bei vorgeführten Gaukelpossen; seinen Witz über die Welt darf er nur etwa allegorisch im Gewande der Tierfabel äußern106. Und statt der Konversation des Symposions hat er (laut griechischer Ansicht) nur das scharfe Zechen, so daß man vom barbarischen Einfluß sprach, wo dasselbe später bei den Griechen überhand nahm107.[295] Endlich war man überzeugt, daß nur auf Griechen mit Gründen zu wirken sei, auf Barbaren eher mit Gewalt108.

Schon die Religion, mochte sie auch für die Griechen kein nationales Band von sich aus zu Fusionen geneigt sein, unterschied doch die Nation von dem polytheistischen und dualistischen Orient109. Bei den Griechen gab es schon auf dem Olymp selbst jenen Götterhader, welcher der früheste Anhalt und zugleich das Abbild der griechischen Gegensätze war; auch auf Erden dürfen die Sachen zwei Seiten haben, bei den Orientalen nur eine, vorgeschriebene. Sodann sind die Götter der Griechen schöner als die barbarischen, an welchen das Göttliche nicht als erhöhte Menschlichkeit, sondern allegorisch und knechtisch ausgedrückt wird, durch Mischung mit Tierformen, Vervielfachung der Glieder, rituale Umhüllung und Gebärde, weil mächtige Priestertümer und dumpfer Volksgeist sich hierüber längst und auf immer verständigt haben. Die Griechengötter sind aber auch klüger als die barbarischen110, so wie der Grieche gescheiter ist als der Barbar, ja sie kommen den Barbaren selber klüger vor als die ihrigen. Irgend eine Erkundung der Zukunft war auch in den alten Heiligtümern des Orients zu erreichen, welcher überdies die unglückselige Astrologie auf seiner Seite hatte; aber Orakel im vollen Sinne des Wortes gaben doch nur die Griechengötter, und ganz besonders Delphi wurde von Lydern, Phrygern, Italiern und auch wohl von Karthagern111 befragt. Vielleicht erkannte Krösos im Apollo von Delphi, den er so massenhaft beschenkte, wie in dem von Milet und Abä, seinen lydischen Nationalgott Sandon, allein er ließ auch in Dodona, bei Amphiaraos, beim Trophonios und im Ammonium fragen, und später wandte sich bekanntlich der persische Feldherr Mardonios an eine ganze ReiheA16 griechischer Orakel112. Auch ohne Befragung der Zukunft, aus bloßer Andacht, wurden Geschenke und Opfer an hellenischen Tempel von fremden[296] Völkern dargebracht. Das geheimnisvolle Opfer aus dem Hyperboreerlande, welches periodisch nach Delos gelangte113, mag ein Rätsel bleiben, aber genau wußte man, daß in Olympia der Thron eines italischen Königs Arimnestos die früheste Gabe eines Barbaren unter den dortigen Anathemen war114; von den nichthellenischen Bewohnern Siziliens waren hier die besonders frommen Sikeler durch ein uraltes Zeusbild empfohlen115. Wenn jenen Skythen, Anacharsis und Skyles (s. oben S. 291 f.) aus ihrem Eifer für hellenische Gottesdienste und Weihen Verderben erwachsen war116, so gab es anderswo gebildete Barbaren, welche bei sich griechische Gottesdienste einrichteten; so stiftete z.B. einst Karthago in furchtbarer Gefahr einen Dienst der Demeter und der Kore, weil sein Heer deren Tempel vor Syrakus verwüstet, und hierauf der Zorn dieser Gottheiten sich kundgegeben hatte117, nicht zu reden von den griechischen Kulten, welche Karthago außerdem geduldet zu haben scheint, und von den griechischen Götterbildern, welche es massenhaft zusammengeraubt hatte118. – Die Folge von diesem allem war, daß sich die Griechen ganz besonders fromm vorkamen, und unter ihnen wieder die Athener insbesondere119; das Laienvolk im vorzugsweisen Sinne fühlt sich den andern gegenüber priesterlich, weil es besser mit den Göttern umzugehen weiß. Dies offenbarte sich in jenem merkwürdigen delphischen Befehl bei einer großen Hungersnot: Die Athener sollten Gelübde tun für Hellenen und Barbaren120.

Aber nicht nur der hellenische Gott, sondern auch der hellenische Mensch wirkte sehr eigentümlich auf den Barbaren, und hier dürfen wir den Griechen wohlA17 völlig Glauben schenken. Die anmutige Sage von der ligurischen Häuptlingstochter, welche den Griechen »Euxenos« zum Gemahl erwählt, woran sich die Gründung von Massalia knüpfte, ist in ihren verschiedenen Redaktionen121 ein rechtes Symbol hievon; die[297] Verbindung von geistiger Kraft und leiblicher Schönheit mag häufig auf ähnliche Weise den Erfolg zu Gunsten des Griechen rasch entschieden haben. Als die nähern und entferntern Gestade des Mittelmeeres und des Pontus sich mit griechischen Ansiedlungen umsäumten, kam es wohl oft zur Unterwerfung der Strandbarbaren; was aber doch weit überwog, war der freiwillige Verkehr der letztern mit den in ihrem Bereich liegenden Kolonien und die Annahme von Bedürfnissen, Kenntnissen und edelm Zierrat aus dem griechischen Leben; es genügt auf eine Tatsache hinzuweisen wie die Herrschaft des griechischen Alphabets bei den gallischen Kelten. Als das lange verschlossene Ägypten nach dem Sturz der äthiopischen Dynastie (671 v. Chr.) und dann vollends durch die Griechenfreundschaft des Psammetich für die Hellenen ein offenes Land wurde, genügte dies, um eine ökonomische Revolution, ein plötzliches Steigen des Erwerbes und der Bevölkerung hervorzubringen. Die Kriegerkaste aber zog aus dem Lande nach Äthiopien; 200 000 Mann, welche, wie man denken sollte, die Ankömmlinge hätten ins Meer werfen können, scheinen durch deren Anwesenheit völlig verblüfft gewesen zu sein; denn bloß aus Eifersucht (angeblich wegen Zurücksetzung auf einem Feldzug des Königs gegen Philistäa) würden sie doch ein tausendjähriges Recht der Heimat nicht aufgegeben haben, auch wenn ihre bisherigen sonstigen Vorteile geschmälert worden waren. Daß sie keine Revolution gegen Psammetich machten, hing vielleicht daran, daß sie selbst in ihm, dem fremdbürtigen Neuerer, die Heiligkeit des Königtums achteten, aber gegen seine Bitten blieben sie unzugänglich; es mochte sie freuen, ihn nunmehr wehrloser und nur von Fremden beschützt zu wissen; mit ihnen weicht lautlos dasjenige Altägypten, welches sich mit den beweglichen Griechen absolut unverträglich weiß, während die Masse des Volkes wenigstens im Unterlande sich völlig fügt bis zur Entstehung einer Mischrasse, der sogenannten Dolmetscher. Daß mit dem Eindringen des Hellenentums und der Zunahme der Geschäfte und Reichtümer auch die Auflösung der altägyptischen Nationalkraft begann, ist unleugbar; war aber einem Volk auf die Länge zu helfen, dessen Kriegerkaste bei einem Anlaß wie jener wehmütig von dannen wich?

Wie die Griechen auf die Perser wirkten, muß aus einigen sprechenden Tatsachen geschlossen werden. Persien als Weltmonarchie, solange es in aufsteigender Richtung war, hatte sich nicht lange besonnen, neben zahlreichen andern Völkern auch Griechen zu unterwerfen und in dauernder Untertanenschaft zu halten; der versuchte Abfall derselben führte dann zu den großen Feldzügen des Datis, Xerxes und Mardonios gegen Griechenland, welche den bekannten Ausgang nahmen. Inzwischen aber sind am Achämenidenhof ganz offenbar Griechen die interessantesten Persönlichkeiten geworden; Atossa, die Kyrostochter, hätte gerne lakonische,[298] argivische, attische, korinthische Sklavinnen gehabt122 und ihr Gemahl Darius hat viel von dem berühmten Athleten Milon von Kroton gehört123; allmählich rücken dann am Hofe oder in der Nähe der Könige auf: der Arzt Demokedes, welcher wenigstens als hochbegünstigter Halbgefangener behandelt wird, dann Histiäos, König Demaratos von Sparta, Artemisia, die Peisistratiden und ihr Onomakritos u.a.m., und alle reden bei den wichtigsten Entschlüssen mit, und ihr Einfluß wächst unter Umständen über den von Satrapen und Königsverwandten hinaus, ja Histiäos wird auf Befehl solcher qualvoll hingerichtet, damit er nicht – trotz allem, was er gegen Darius getan – »wieder beim König groß werde124«. Später aber, bei Xerxes und Artaxerxes, erschien dann derjenige Mann, welcher zwar einst den persischen Herold hatte töten lassen, weil derselbe das Barbarenverlangen auf Erde und Wasser in hellenischer Sprache vorgebracht125, aber schon während des Krieges sich einen Zugang zu Persien hatte offen halten müssen, der erlauchteste aller Flüchtlinge: Themistokles. Schon sein Brief an den König126 ist der echte Brief des Hellenen an den Barbaren, der sonst wohl das ganze Jahr hindurch aus seinem ganzen Reiche keine solche Zuschrift bekam; nachdem er aber ein Jahr lang persisch gelernt und nun selber vor dem König erschien, »offenbarte er auf das Stärkste die Kraft der Naturbegabung. Denn durch angeborenen Verstand, ohne vorher oder nachher durch besondere Kunde unterstützt zu sein, war er über irgendwelche vorliegende Angelegenheiten nach ganz kurzem Besinnen der stärkste Urteiler und für künftige Dinge meist der beste Errater. Was er in die Hände nahm, konnte er auch in der Rede darstellen; in dem noch Unbekannten sah er das Bessere oder Schlimmere richtig voraus. Durch die Macht seiner Anlage mit Hilfe kurzen Nachdenkens war er im höchsten Grade fähig, aus dem Stegreif das Richtige anzugeben« – was alle Königsverwandten samt Satrapen und Magiern nicht konnten127.

Wer weiß, was diese Griechen am Hofe des Großkönigs für eine Macht hätten entfalten können, wenn sie diesen Hof um seiner selbst willen unter ihren Einfluß genommen hätten, und wenn nicht alles, was sie durch die persische Macht erreichen wollten, eine erfolgreiche Heimkehr gewesen wäre. Es läßt sich ein Zustand denken, da in Persien ebenso die[299] sämtlichen wichtigen Ämter an Griechen gelangt wären, wie zuletzt die griechischen Söldner weit die sicherste Truppenmacht des Reiches gewesen sind; nur hätten sie den Willen des Bleibens haben müssen. Aber auch abgesehen von diesen Flüchtlingen befanden sich die Griechen in Persien nicht wohl. Dieser endlose asiatische Kontinent mit seinen monatelangen Reisen hatte für sie etwas Schauerliches, während sie in den entlegensten Kolonien, wo man das Meer vor Augen oder in der Nähe hatte, wo andere Griechen mit ihnen in einer Polis lebten, sich daheim fühlen konnten. Was haben nicht Histiäos und Demokedes für äußerste Anstrengungen und Listen gebraucht, um aus der goldenen Haft bei Darius loszukommen128. Umsonst waren die zwei Paar goldenen Fußfesseln, welche der König dem großen Arzt allegorischer Weise verehrte, umsonst alle Reichtümer und die königliche Tischgenossenschaft; er entwich. Den Herrscher Skythes von Zankle (Messana) hielt Darius schon deshalb für den Gerechtesten von Allen, die je aus Griechenland zu ihm gekommen, weil Skythes, nachdem er Urlaub zu einer Reise nach Sizilien erhalten, wieder zurückkam, gemäß dem gegebenen Worte; dieser wenigstens starb in Persien hoch bejahrt und reich. Alle Tiefen eines verzehrenden Heimwehs fanden spätere Reisende in den Grabschriften jener Eretrier, welche im marathonischen Kriege von den Persern waren mitgeschleppt und unweit von Susa angesiedelt worden: »Die einst auf der tiefströmenden Woge des ägäischen Meeres daherfuhren, ruhen hier mitten in der Ebene des Ostens; lebe wohl, ruhmvolle Heimat Eretria, lebe wohl, Athen, Euböas Nachbarin, lebe wohl, geliebtes Meer129!» – Die Unglücklichen hatten Tempel und Agora in hellenischer Weise, so gut sie konnten, gebaut, übrigens auch dem Darius und Xerxes Altäre errichtet. Griechische Armeen in diesen weiten Osten zu führen, galt lange als völlig undenkbar. «Verlaß Sparta vor Sonnenuntergang», sagte Kleomenes zu Aristagoras, welcher ihm das große Vorhaben eines Zuges gen Susa entwickeln wollte; «denn nie wirst du den Lakedämoniern zu Danke reden, wenn du sie einen Weg drei Monate weit vom Meere führen willst130«. Und als es nach einem Jahrhundert dennoch zu einem solchen Zuge kam, wer hat nicht mit den Griechen der Anabasis beim Anblick des Pontus den Ruf Thalassa! mitrufen müssen?

Der Gegensatz zwischen Griechen und Barbaren wurde in der glänzenden Zeit sehr hoch genommen. Die Bedeutung des Herodot, der für seine Person bei den Barbaren so viel Großes anerkennt und so objektiv erzählt, ist für die Kunde hierüber um so viel sprechender, da er noch[300] schrieb, bevor die Dinge zu rhetorischen Zwecken zurecht gemacht waren. Euripides dagegen mißbraucht bereits die Vorurteile seiner athenischen Zuschauer auf eine wahrhaft widerliche Weise. Sein Odysseus131 wirft den Barbaren vor, sie ehrten ihre Freunde nicht und hätten keine Bewunderung für die im Kampf Gefallenen; namentlich aber wird in seiner Tragödie »Orestes« ein wohlfeiles griechisches Hochgefühl losgelassen gegen ein Gedankenbild des Barbaren132, das aus lauter Feigheit, Knechtsinn und Todesfurcht konstruiert und dabei speziell für phrygisch ausgegeben wird. Um so lieber hört man dann auf einen ruhigen Sachkenner, der schon im Kampf gegen Barbaren gestanden hat und nun ihre Kriegsweise schildert: Brasidas133, in dem Augenblicke, da er seine Leute gegen Illyrier in die Schlacht führen soll; man wird Stärke und Schwäche solcher Naturbarbaren kaum wieder so treffend in Kürze gezeichnet finden, als in dieser Rede geschieht. Im Ganzen hielt sich die griechische Kriegsübung den Nichtgriechen von vornherein für überlegen, sobald letztere nicht eine erdrückende Überzahl auf ihrer Seite hatten.

Für eine Polis galt es als das größte denkbare Unglück, barbarisch zu werden, ἐκβαρβαρωϑῆναι, sei es durch plötzliche Überwältigung oder durch allmähliches Eindringen der Fremden. In den letztern Fall konnten etwa griechische Untertanenstädte des persischen Reiches geraten, wie z.B. um 408 v. Chr. Ephesos, durch die Zuwanderung aus Lydien und die häufige Anwesenheit eines persischen Hauptquartiers, bis Lysander dort auftrat134 und durch veränderten Verkehr, Bau von Schiffswerften usw. dem griechischen Leben wieder den Vorrang sicherte. Bedrohte Städte im Barbarenland wie z.B. die Euesperiten im Libyen ließen Aufrufe ergehen, worin »jeder Hellene« zur Ansiedelung eingeladen wurde135, und damals kamen besonders viele jener Messenier, welche im Verlauf des peloponnesischen Krieges auch ihre bisherige Zuflucht, Naupaktos, verloren hatten. Manche Kolonie wurde aber überwältigt, wie denn in den Schicksalen griechischer Bevölkerungen ein beständiges Auf und Nieder zu erkennen ist. Als eine Anzahl jener herrlichen großgriechischen Städte unwiederbringlich an Samniter, Lukaner, Bruttier verloren gingen, wurden auch die Einwohner von Poseidonia, dem spätern Pästum, unterworfen; »sie haben« heißt es, »ihre Sprache und ihre sonstigen Bestrebungen verändert, doch feiern sie noch bis heute eines der hellenischen Feste, an welchem sie sich versammeln und jener alten Namen und[301] Einrichtungen gedenken; dann klagen und weinen sie miteinander und gehen ihrer Wege«.136

Das persische Reich hatte bei seinen großen Kriegen gegen die Hellenen manche derselben auf seiner Seite gehabt und wurde auch später wieder mächtig in den hellenischen Händeln, so sauer auch den Bessern das Aufwarten bei persischen Großen vorkam137; immerhin waren die Perser wenigstens asiatische Kulturbarbaren. Aufs Äußerste aber hätte man sich in den Fehden zwischenA18 Griechen scheuen sollen vor Bündnissen mit wilden Barbaren des Binnenlandes, der peloponnesische Krieg brachte jedoch auch diese Scheu zum Schweigen und zwar von Anfang an138. Was die Unterliegenden dabei empfanden, erfährt man aus dem Verhalten der Amprakioten von Idomene gegenüber von den Athenern und deren Verbündeten, den barbarischen Amphilochiern: sie flohen gegen das nahe Meer, und als sie die gerade vorbeifahrenden athenischen Schiffe erblickten, schwammen sie denselben zu, »indem sie es vorzogen, durch die Mannschaft dieser Schiffe zu sterben und nicht durch die barbarischen und tief verhaßten Amphilochier«.

Mit dem IV. Jahrhundert ist dann von dem Gegensatz zwischen Hellenen und Barbaren auf einmal wenig mehr die Rede, vielleicht schon weil inzwischen Griechen gar zu vieles vom Schrecklichsten durch Griechen erduldet hatten, und weil das frühere nationale Hochgefühl überhaupt gebrochen war. Von den Philosophen ist es bezeichnender Weise der Stifter der Kyniker, jener unerbittlichen Verächter der Polis, welcher sich hier zuerst über die alten Anschauungen hinwegsetzt: Antisthenes – freilich selbst nur ein halbbürtiger Hellene, von einer thrakischen Mutter. Bei seiner Beweisführung139, daß die Anstrengung (πόνος) kein Übel sei, nahm er als hellenisches Beispiel den Herakles, als barbarisches den Kyros, denselben, welchen um diese Zeit auch Xenophon als Idealbild eines richtig erzogenen Königs schilderte. Es wollte außerordentlich viel sagen, daß bei ethischen Fragen ein Barbar als Beleg, ja als Vorbild gebraucht wurde. Für Plato ist Ägypten eine uralte Quelle des Geistes und in mehr als einer Beziehung ein Ideal. Seit Alexander vollends änderte sich in diesen Dingen der ganze Gesichtskreis, schon weil große Länder des Ostens sich ganz oder teilweise der griechischen Bildung und SpracheA19[302] anschlossen. Es mag eine starke Übertreibung sein, daß die Söhne der Perser, Baktrier und Gedrosier die Tragödien des Sophokles und Euripides rezitiert hätten140, aber schon der hellenisierte vordere Orient bis an und über den Euphrat wurde ein wirklicher Zuwachs, wenn nicht für die griechische Nation, so doch für den Herrschaftsumfang der griechischen Kultur. Mochten auch die in den Hellenismus »Hineingeführten141» noch nach Jahrhunderten sich mancher »übeln barbarischen Redeweise« schuldig machen, in der griechischen Geisteswelt lebte jetzt sehr viel barbarisches Geblüt und barbarische Intelligenz mit, welche sich bald nicht nur in griechisch geschriebener Rechenschaft über Orientalisches, sondern auch durch inniges Anschmiegen an den griechischen Gedanken und an das Wort in seinen feinsten attischen Formen kund geben sollte.

Eine wahre Invasion erlitt, wie bei anderm Anlaß zu erörtern sein wird, besonders die Philosophie. Dieselbe sollte einst schon in ihren Anfängen den Skythen Anacharsis an sich gezogen haben, und zu Platos Verehrern hatte bereits ein vornehmer Perser gehört, Mithridates, Sohn des Rhodobates. Jetzt aber sinken für die hellenische Weisheit die Schranken der Nationalität, sowie die des Geschlechts (durch die Pythagoreerinnen) und die des bürgerlichen Standes (durch Erziehung von Sklaven zu Philosophen) bereits gesunken waren. Laut der Lehre der Stoa sind dann Hellenen und Barbaren gleich, nämlich beide Gotteskinder. Hundert Jahre nach Alexander durfte Eratosthenes142 sagen: diejenigen hätten Unrecht, welche das ganze Menschengeschlecht in Hellenen und Barbaren einteilten; besser, man unterscheide nach Trefflichkeit und Schlechtigkeit, denn viele Hellenen seien schlecht und viele Barbaren gesittet (ἀστεῖοι), wie die Inder und Arianer, auch die Römer und Karthager mit ihrem bewundernswerten Staatswesen.

Von da war der Weg nicht mehr weit bis zur Barbarenverehrung. Hiebei wirkte schon mit jene Sehnsucht, welche zeitweise jede sehr abgeleitete und späte Kultur befällt, nach urtümlichen Zuständen, und diese sucht man am ehesten in der Ferne. Damals knüpfte man dergleichen etwa an homerische und äschyleische Epitheta von Völkern an, wie z.B. die herrlichen Hippemolgen, die gesetzliebenden Skythen, die Abier, die gerechtesten der Menschen143, denn schon das frühere Altertum hatte das Glück und die Güte hauptsächlich an den Rändern der Welt gesucht, weil[303] man deren Mitte zu genau kannte144. Allmählich wandelten sich dann solche Anschauungen in Raisonnements um; während z.B. in die Philosophie bereits orientalische Gedanken eindrangen, legte man im Leben der frühern Weisen seit Pythagoras ein wachsendes Gewicht auf ihr Wandern und ihre angebliche Lehrzeit im Orient, bis es eines Tages hieß145: die Philosophie habe überhaupt ihren Urquell bei den Barbaren, und dabei nannte man indische Gymnosophisten, Druiden, Chaldäer, ägyptische Priester, Magier usw. Auch in der Religion durften die Barbaren eine höhere Einsicht in Anspruch nehmen, und ein Sidonier behauptete im Asklepiostempel von Aigion dem Pausanias ins Gesicht: die Phönizier erkennten das Göttliche besser als die Griechen146; ja es beginnt auch ein pathetsiches Rühmen der Frömmigkeit der Barbaren147, und zwar im Gegensatz zu der wachsenden Gottlosigkeit der Griechen, nachdem früher nur etwa von der fabelhaften Frömmigkeit der Hyperboreer die Rede gewesen148. Und endlich sind die Barbaren sittlich besser; der Spätgrieche denkt nämlich von seiner eigenen Nation ungefährA20 wie Macchiavelli von den Italienern, und die letzte Konsequenz hievon ist: wo die Barbaren schlecht seien, da hätten erst die Griechen sie verderbt. Diese ganze Reihe von Anschauungen, beginnend mit jenen homerischen Preisworten auf ferne Völker, findet sich bei Strabo149 in eine bewegte Deklamation zusammengefaßt, welche mit den Worten anhebt: was Wunder, wenn Homer gerecht und herrlich nennt solche, die nicht in lauter Schudlkontrakten und Gelderwerb und der damit verbundenen Ungerechtigkeit dahinleben wie wir? – Im weitern wird ausgeführt, daß alle Barbaren teils besser,[304] gerechter, einfacher seien als die Griechen, teils aber von diesen angesteckt zu Genußsucht, Gier und schlimmen Künsten. Inzwischen waren aber auch die Götter der Barbaren mehr und mehr zu Ansehen bei Griechen und Römern gekommen; gegenüber der notorischen Machtlosigkeit des ganzen Olympos vor dem Schicksal schienen sie eher noch wirklich kräftig und hilfreich. Unsere griechischen Götter, mochte die gesunkene Nation urteilen, hätten uns besser schützen müssen150.[305]


Quelle:
Jakob Burckhardt: Gesammelte Werke. Darmstadt 1956, Band 5, S. 290-306.
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